Das Besondere der „Corona-Krise“ aus ökonomischer Sicht

Sie wissen: Ökonomen denken immer in ihrer eigenen Kategorienwelt. Dort spielen Angebot und Nachfrage eine zentrale Rolle (und die Preise, die sich auf Märkten bilden oder dort – denken sie an monopolistische Märkte – gesetzt werden). Die Ausrichtung der Perspektive auf die beiden Seiten der Märkte pflanzt sich fort bis in den Bereich der Wirtschaftspolitik, beispielsweise bei den unterschiedlichen Zugangsweisen der angebots- und der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik. Vor diesem Hintergrund könnte man ausgehen von der Fragestellung: Um was für eine Krise handelt es sich eigentlich? Schlägt die auf der Angebotsseite der Wirtschaft zu? Oder auf der Nachfrageseite? Oder vielleicht auf beiden Seiten? Wir müssen uns für einen Antwortversuch Hilfe holen aus der volkswirtschaftlichen Debatte über diese Frage.

Man könnte sich der aktuellen Krise – und wir befinden uns ja noch mittendrin, also zumindest in der vierten Welle, was natürlich auch einen analytischen Blick erschwert aufgrund der unmittelbaren Betroffenheit von uns allen – auch darüber nähern, dass man die Frage aufwirft, ob die Corona-Krise vergleichbar ist mit der letzten großen weltwirtschaftlichen Krise, die hinter uns liegt (aber von dessen Folgen und den Bewältigungsversuchen wir heute noch unmittelbar getroffen werden, denken Sie an die Geldpolitik der Notenbanken) – also der Finanz- und Weltwirtschaftskrise der Jahre 2008/2009. Genau auf die schauen auch die Autoren des folgenden Beitrags, der bereits in der April-Ausgabe des vergangenen Jahres der Fachzeitschrift „Wirtschaftsdienst“ veröffentlicht wurde:

➔ Peter Bofinger, Sebastian Dullien, Gabriel Felbermayr, Clemens Fuest, Michael Hüther, Jens Südekum, Beatrice Weder di Mauro (2020): Wirtschaftliche Implikationen der Corona-Krise und wirtschaftspolitische Maßnahmen, in: Wirtschaftsdienst, Heft 4/2020, S. 259–265

Dazu schreiben die Verfasser des Beitrags: »In der Finanzkrise entlud sich ein über Jahre hinweg aufgebautes Ungleichgewicht auf den Immobilienmärkten, mit erheblichen negativen Effekten auf das Finanzsystem. Verschärft wurde die Krise durch einen Kollaps des Vertrauens der Banken untereinander. Der damit verbundene Verfall der Werte von Finanzaktiva und Immobilien hatte erhebliche Vermögenseffekte. Hinzu kam eine Kontraktion der Kreditvergabe. All dies hat zu einem Einbruch sowohl der Konsumausgaben als auch der privaten Investitionen geführt. Der Abbau der Überschuldung von Firmen und privaten Haushalten hat die Erholung der Wirtschaft verzögert.«

Offensichtlich hatten wir es vor nunmehr mehr als zehn Jahren mit schweren Störungen auf der Nachfrageseite der Volkswirtschaften zu tun, einem ausgewachsenen Nachfrageschock. »Daher konnte die Politik sich auf die Stabilisierung des Finanzsystems und der Konsum- und Investitionsnachfrage konzentrieren.« Denn: »Ein Angebotsschock lag im Kontext der Finanzkrise … nicht vor.«

Und heute? Dazu kann man dem Beitrag diese die Angelegenheit erschwerende Diagnose entnehmen: »Bei Corona ist die Lage insofern komplexer, als ein simultaner Angebots- und Nachfrageschock vorliegt.« Das hört sich nicht gut an. Schauen wir also einmal genauer hin, wie die Autoren diese Behauptung zu belegen versuchen. Es soll mit Blick auf die folgenden Ausführungen hier nochmals darauf hingewiesen werden, dass der zugrundeliegende Artikel bereist im April 2020 publiziert wurde, also ganz am Anfang dessen, was wir als „Corona-Krise“ bezeichnen.

Warum ein Angebotsschock?

Es werden vor allem drei miteinander zusammenhängende Aspekte genannt, an denen der Angebotsschock illustriert wird:

➔ »Globale Wertschöpfungsketten: Bei weltweit hoch integrierten Wertschöpfungsketten übertragen sich Produktionsausfälle aufgrund fehlender Vorleistungen auch auf Unternehmen außerhalb der Epidemiezentren. Werden essenzielle Vorprodukte aus China oder dem industrialisierten Norden Italiens nicht geliefert, können auch in Deutschland Produktionsprozesse zum Stillstand kommen. Problematisch ist hierbei insbesondere, dass viele Unternehmen heute auf eine Just-in-time-Produktion mit niedrigen Lagerbeständen setzen. Außerdem sind die zugelieferten Komponenten oftmals extrem spezialisiert und auf die Spezifika des jeweils nächsten Schritts in der Wertschöpfungskette zugeschnitten. Sie werden häufig nur in einem oder wenigen Zulieferbetrieben hergestellt. Es gibt also für deutsche Betriebe, die auf chinesische Vorprodukte warten, oftmals weltweit keine Alternativanbieter, die in vertretbarer Zeit und zu akzeptablen Preisen entsprechende Komponenten liefern könnten.« 

Das hatte überall Auswirkungen, gerade auch in Deutschland, wo die exportorientierte Industrie eine überdurchschnittlich starke Rolle hat und entsprechend der Wertschöpfungstiefe auch auf zahlreiche Importe angewiesen ist: »Die Betriebsschließungen in China erreichten Anfang Februar 2020 ihren Höhepunkt, mittlerweile läuft die Produktion langsam wieder an. Auch aufgrund der zeitlichen Verzögerungen auf dem Transportweg (sechs Wochen auf dem Seeweg) wird das Ausmaß des wirtschaftlichen Schadens in Deutschland erst nach und nach offenbar. Der Schaden wird umso gravierender, je weniger es den Betrieben gelingt, betriebsspezifische Lösungen zu finden und die Lücke durch Alternativangebote oder eigene Produktionen zu schließen. In dem Maß, in dem sich das Virus in Europa ausbreitet und umfassende Quarantänemaßnahmen in den Ländern ergriffen werden, kommt es zu Störungen in weiteren Lieferketten.«

➔ »Ausfall von Beschäftigten: Ein weiterer Angebotsschock ergibt sich, wenn Mitarbeiter ausfallen und für die Produktion nicht mehr zur Verfügung stehen. Dies kann direkt aufgrund eigener Erkrankung oder durch die Verhängung einer Quarantäne geschehen. Auch die Schließung von Schulen und vorschulischen Einrichtungen kann indirekt zum Ausfall von Arbeitskräften führen, da sie nun in der heimischen Kinderbetreuung gebunden sind. Ähnlich verhält es sich möglicherweise bei Erkrankungen im familiären Umfeld, wenn die Krankenbetreuung nicht durch das Gesundheitssystem sichergestellt werden kann. Eine Abmilderung dieses Angebotsschocks kann prinzipiell durch Varianten der Tele- und Heimarbeit geschaffen werden. Diese Optionen werden ohnehin in vielen Wirtschaftszweigen immer beliebter, sie stehen aber längst nicht allen Beschäftigten gleichermaßen zur Verfügung. Insbesondere bei den personenbezogenen Dienstleistungen oder bei Produktionsberufen mit hohem manuellen Routineanteil ist diese Option keine realistische Ausweichreaktion.«

➔ »Störung der Infrastrukturen und Logistikketten: Ein besonderes Problem zur Aufrechterhaltung der Produktionsketten kann sich durch die Beeinträchtigung der Verkehrsinfrastrukturnetze ergeben, wenn über längere Zeit Flugverbindungen stark ausgedünnt oder storniert werden und wenn der Bahnbetrieb beeinträchtigt ist, weil Zugverbindungen wegen Evakuierungen oder fehlendem Personal nicht mehr verlässlich funktionieren. In China zeigt sich, dass selbst nach Wiederaufnahme der Arbeit und damit der Produktion die Logistikketten noch länger nicht verlässlich sind, weil viele Transportmittel an der verkehrten Stelle stehen und größere Warenbestände den reibungslosen Ablauf nicht sogleich möglich machen. Deshalb ist selbst nach einem Ende der Quarantäne ein längerer Nachlauf der Störungen zu erwarten.«

Und warum ein Nachfrageschock?

➔ »Globale Nachfrage nach deutschen Gütern: China und andere stark vom Coronavirus betroffene Volkswirtschaften werden auf absehbare Zeit ihre Nachfrage nach deutschen Vorprodukten, Investitions- und Konsumgütern sowie nach Tourismus-Dienstleistungen reduzieren. Das volle Ausmaß dieser globalen Auswirkungen ist noch nicht absehbar. Es hängt insbesondere vom weiteren Verlauf der globalen Verbreitung des Virus ab … Wirtschaftliche Auswirkungen ergeben sich … nicht bloß durch den Rückgang der chinesischen Nachfrage, sondern auch direkt in den betroffenen Ländern Deutschland wäre aufgrund seiner Wirtschaftsstruktur (Offenheitsquote und Industrieanteil) von diesen Entwicklungen besonders betroffen.«

Aber auch und gerade im Inland hat das Virus seine zerstörerischen Schneisen geschlagen:

➔ »Heimische Nachfrageschocks I – Tourismus und „sozialer Konsum“: Negative Auswirkungen auf der Nachfrageseite ergeben sich auch direkt aufgrund binnenwirtschaftlicher Prozesse, indem der „soziale Konsum“ massiv eingeschränkt wird. Hierunter sind etwa Restaurantbesuche, Inlandstourismus, der Besuch von Kulturveranstaltungen, Messen usw. zu verstehen … Eine besondere Problematik für diesen Nachfrageausfall besteht darin, dass nicht zwingend mit zeitlichen Nachholeffekten zu rechnen ist. Bei unterbrochenen Lieferketten kann in vielen Fällen damit gerechnet werden, dass die entsprechenden Käufe und Verkäufe später (gegebenenfalls noch im Verlauf des Jahres 2020) erfolgen. Wenn ein Auto heute nicht produziert und verkauft werden kann, dann vielleicht in ein paar Monaten. Dies ist beim sozialen Konsum anders.«

➔ »Heimische Nachfrageschocks II – Verunsicherung und Vorsichtssparen: Neben dem „sozialen Konsum“ können weitere Nachfragesegmente negativ von der Corona-Krise betroffen sein. So mag die Aussicht auf eine längere Quarantäne zwar bei bestimmten Gütern zu Vorrats- und Hamsterkäufen führen, verunsicherte Konsumenten könnten dafür aber vor größeren Anschaffungen oder dem Kauf langlebiger Konsumgüter bis hin zum Bau neuer Eigenheime zurückschrecken. Dies gilt besonders für solche Konsumenten, die permanente Einkommensverluste durch die Corona-Krise befürchten … Mögliche Nachholeffekte wären für diese Personengruppe erst dann zu erwarten, wenn die wirtschaftlichen Belastungen des Corona-Schocks vollständig wieder abgeklungen sind und nicht zu lang andauernden Hysteresis-Effekten geführt haben.«

Apropos Sparen: So stellt sich das Jahr 2020 hinsichtlich der Sparquote dar:

Jenseits der Lehrbuch-Vorstellungen?

Springen wir auf der Zeitleiste ein paar Monate weiter. Am Jahresende 2020 wurde dieses Interview geführt und veröffentlicht: »Was 2020 passiert ist, stand in keinem Lehrbuch«. Interviewpartner war der Ökonom Rudolf Hickel. Der 78-Jährige ist einer der profiliertesten linken Ökonomen des Landes. Der Finanzexperte gründete 1975 zusammen mit anderen die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (Memo-Gruppe). Wie ist seine Sichtweise?

»2020 war für mich als Ökonom das herausforderndste Jahr, das ich je erlebt habe. Was dieses Jahr passiert ist, steht in keinem Ökonomielehrbuch. Und das allein schon, weil der Wirtschaftsabsturz durch ein Virus ausgelöst wurde und sich daher nicht in das klassische Konjunkturmuster einbetten lässt.« Und was dann seitens der Staaten in den vergangenen Monaten gemacht und geleistet wurde, wird von ihm besonders herausgestellt: »Durch Corona wird deutlich: Gemeinwohl muss über Profitgier stehen. Die Wiederentdeckung des Stellenwertes eines handlungsfähigen, allerdings oftmals zu wenig demokratisch legitimierten Staates für den Wirtschaftskreislauf ist die Corona-Botschaft. Es war das Jahr der staatlichen Rettung der privatwirtschaftlichen Wertschöpfungsbasis. Wäre der Staat nicht eingesprungen, wären Produktionskapazitäten zusammengebrochen und massenhaft Arbeitsplätze verloren gegangen.«

Kritische Anmerkungen dürfen bei ihm dennoch nicht fehlen: »Bei den Rettungsprogrammen ging es in erster Linie darum, die Unternehmen zu retten. Trotz des im Prinzip richtigen Kurzarbeitergeldes haben auch Normalbeschäftigte Arbeitseinkommen eingebüßt. Vor allem aber verloren gleich zu Beginn der Krise viele Leiharbeiter, Studenten und Niedriglöhner ihren Job. Darüber hinaus sind die sogenannten Solobeschäftigten mit dem Ein-Personen-Geschäftsmodell, die auch den Kulturbereich bestimmen, anfangs vergessen worden. Der Blick auf die Einkommensschwachen gerade auch in der lokalen Wirtschaft war anfangs durch die Konzentration auf Großunternehmen unterbelichtet.«

Und was war Ende 2020 seine Perspektive auf das Jahr 2021, in dessen ersten Hälfte wir uns befinden?

»Der Spuk wird auch nach massenhaften Impfungen noch lange weitergehen. Für Prognosen, dass die Wirtschaft 2021 wieder um vier bis fünf Prozent wachse, wie es viele Wirtschaftsinstitute schon vorhersagen, ist es noch viel zu früh. Die ständigen Korrekturen der Wachstumsprognose nach unten belasten stattdessen das Vertrauen. Es wäre wegen der mangelnden Fähigkeit der Analyse der Ursachen und der Prognose der Folgen der Pandemie besser, einfach mal für ein halbes Jahr auf die Vorhersage von auch noch punktgenauen Wachstumsraten zu verzichten. Konzentrieren wir uns lieber auf die Maßnahmen zur Überbrückung, ohne immer schon das Ende der Brücke zu feiern. Am Ende wird es entgegen der traditionellen Konjunkturdynamik darum gehen, wie viele Unternehmen die Krise überleben werden und wie viele Produktionskapazitäten noch vorhanden sind, damit die Konjunktur wieder anlaufen kann.«

Ansonsten kann man naturgemäß eine Vielzahl an mittlerweile veröffentlichten Analysen und Abhandlungen über die wirtschaftlichen Aspekte der „Corona-Krise“ zitieren. Allein mit dem Einsammeln der Materialien wird man sein derzeitiges Leben füllen können.

Umrisse einer „Vironomics“, einer Ökonomik der Pandemien

Machen wir deshalb einen Schritt zurück und rufen nochmals eher grundsätzliche Fragen auf. Dazu habe ich Ihnen im Materialordner auf der Olat-Seite zu dieser Vorlesung den interessanten Versuch einer grundsätzlich angelegten Einordnung zur Verfügung gestellt:

➔ Stefan Schäfer (2021): „Vironomics“: Ein Überblick über die Ökonomik der Pandemie, in: Wirtschaftswissenschaftliches Studium, Heft 1/2021. S. 27-33

Aus dem Vorspann zu dem Artikel, in dem die Zielsetzung des Beitrags umrissen wird: »Die Corona-Krise hat eine intensive Debatte unter Ökonomen ausgelöst. Dabei geht es um die im Zuge der Pandemie ergriffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen und um die direkten und indirekten ökonomischen Auswirkungen des Infektionsgeschehens. Letztere stehen seit der Spanischen Grippe (1918–20) im Fokus ökonomischer Analysen. Der Beitrag gibt einen Überblick über diese Literatur und integriert Covid-19 in die Ökonomik der Pandemien.«

Das hört sich spannend an. Zu diesem Material zwei Arbeitsaufträge:

➔ Ich möchte Sie nicht nur bitten, den Artikel zu lesen, sondern möchte Ihr Augenmerk vor allem auf die Tabelle 1 (Kosten einer Pandemie) lenken und auf die Tabelle 2 (Makroökonomische Wirkungen von Pandemien). Das sind möglicherweise hilfreiche Systematiken für die weitere Analyse, bitte genau anschauen.

➔ Im letzten Abschnitt des Artikels (4. Ausblick: Covid-19 und die Ökonomik der Pandemien), skizziert der Verfasser vier Fragen, die das besondere Interesse der Wirtschaftswissenschaftler verdienen sollten. Darunter die dritte Frage, die ich hier besonders hervorheben möchte:
➞ »Werden die massiven Shutdowns sowie die fiskal- und geldpolitischen Stimuli zu Inflation führen?«
Der Verfasser beantwortet die Frage nicht, vor allem nicht eindeutig in die eine oder andere Richtung, sondern zählt einige Aspekte auf, die man bedenken sollte. 
Ihre Aufgabe an dieser Stelle: Bitte recherchieren Sie für unsere Volkswirtschaft die Entwicklung „der“ Inflationsrate seit Anfang 2020 und diskutieren Sie dabei möglicherweise vorhandene kritische Aspekte, die mit der Messung verbunden sein könnten.