Inflation und Inflationsmessung (nicht nur) in Zeiten von Corona

Schaut man sich die Entwicklung der Inflationsrate – gemessen an der Veränderung des Verbraucherpreisindex (VPI) – über die vergangenen Jahre seit der deutschen Wiedervereinigung an, dann ergibt sich auf die einzelnen Jahre bis einschließlich 2020, dem ersten Corona-Jahr, das folgende Bild:

Und wie sieht es am aktuellen Rand aus? Dazu erfahren wir vom Statistischen Bundesamt am 28. Oktober 2021 unter der Überschrift Inflationsrate im Oktober 2021 voraussichtlich +4,5 %: »Die Inflationsrate in Deutschland – gemessen als Veränderung des Verbraucher­preis­index (VPI) zum Vorjahresmonat – wird im Oktober 2021 voraussichtlich +4,5 % betragen.« Die Entwicklung der Monatswerte die Inflationsrate betreffend seit Januar 2019 verdeutlicht diese Abbildung:

Anmerkung: Im August 2020 belief sich die am VPI gemessene Inflationsrate auf 0 %.

Die aktuell hohen Preissteigerungsraten sind – wie Sie sicher verfolgt haben – Gegenstand einer intensiven Diskussion in den Medien. Ich habe Ihnen einige Beiträge aus der aktuellen Diskussion zusammengestellt, vor allem solche, die durchaus kritisch zu diskutierende Thesen in den Raum stellen:

Sparer verlieren Milliardenvermögen (29.10.2021): »In der Corona-Krise konnten viele ihr Geld kaum ausgeben. Seitdem liegt noch mehr auf unverzinsten Girokonten – was bei steigenden Preisen zu hohen Verlusten führt. Dabei mangelt es nicht an Alternativen.«
Unterschätzt die EZB die Inflation? (28.10.2021): »Die Europäische Zentralbank hält die hohen Inflationsraten für vorübergehend und sieht keinen Handlungsbedarf. Die Kritik an dieser Sicht wird immer lauter. Schätzt die EZB die Lage falsch ein?«
Die Risiken der Stagflation (28.10.2021): »Vieles deutet darauf hin, dass der deutsche Aufschwung im Herbst abgewürgt wird. Experten warnen vor einer Stagflation, einem Mix aus stagnierender Konjunktur und hoher Inflation. Wie groß sind die Gefahren?«
DIW-Chef warnt vor Lohn-Preis-Spirale (29.10.2021): »Die Verbraucherpreise in Deutschland sind im Oktober um 4,5 Prozent im Vergleich mit dem Vorjahresmonat gestiegen. Im Interview mit den tagesthemen warnte DIW-Chef Fratzscher vor einer Lohn-Preis-Spirale und erklärte, was zu den höheren Preisen führt.«
Und auch der – möglicherweise zukünftige Bundesfinanzminister – hat sich zu Wort gemeldet: Christian Lindner von der FDP:
„Verarmungsprogramm“ – Lindner warnt vor Inflation (30.10.2021): »Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hat sich besorgt über eine verlangsamte wirtschaftliche Erholung in Deutschland und die andauernde Inflation geäußert. „Die Risiken der ökonomischen Gesamtlage werden in der deutschen Politik momentan unterschätzt“, sagte Lindner der Deutschen Presse-Agentur. Inflation sei „ein Verarmungsprogramm gerade für Menschen ohne hohes Sachvermögen“.«
Wie die Debatte aufgeheizt wird kann man auch diesem Artikel auf bekannt niedrigen Niveau der BILD-Zeitung entnehmen (der hier nur unter Protest verlinkt wird, aber man muss sich auch damit auseinandersetzen):
Madame Inflation – Luxus-Lagarde macht Sparer und Rentner arm (30.10.2021): »Sie trägt gerne Luxusmode (u. a. Chanel), verdient fast 40 000 Euro im Monat – doch die Sorgen der normalen Leute sind ihr offenbar egal: Christine Lagarde (65) lässt Renten, Löhne und Ersparnisse schmelzen!«
Und gibt es auch Leute, die das weniger panisch sehen? Ja, die gibt es auch:
Von einem Gespenst namens Inflation (02.10.2021): »Das Leben wird deutlich teurer. Das hat viele Ursachen. Die Deutschen aber fürchten die Geldentwertung wie kaum ein anderes Volk. Für Panik besteht jedoch (noch) kein Grund, meint Henrik Böhme.«

Zurück zu den vorliegenden Daten, die Auslöser sind für die aufgeregte Debatte in den Medien: Das Statistische Bundesamt gibt uns – vor allem im Kontext unseres ersten Schwerpunktthemas „Ökonomie der Corona-Krise“ – einige wichtige Hinweise auf die Ursachen für die derzeit hohen Preissteigerungswerte:

»Die hohen Inflationsraten seit Juli 2021 haben eine Reihe von Gründen, darunter Basiseffekte durch niedrige Preise im Jahr 2020. Hier wirken sich insbesondere die temporäre Senkung der Mehrwertsteuersätze und der Preisverfall der Mineralölprodukte erhöhend auf die Gesamtteuerung aus. Hinzu kommen neben den üblichen Marktentwicklungen die Einführung der CO2-Bepreisung seit Januar 2021 sowie krisenbedingte Effekte, wie die deutlichen Preisanstiege auf den vorgelagerten Wirtschaftsstufen, die sich vorerst nur teilweise und abge­schwächt im Verbraucherpreisindex und in der Inflationsrate niederschlagen.«

Inflationsmessung wie immer – oder werden hier Äpfel mit Birnen (oder noch schlimmer mit gar nichts) verglichen?

Schauen Sie sich noch einmal die Abbildung mit der Entwicklung der monatlichen Preissteigerungsraten seit Januar 2019 an. Hier stellt sich die Frage: Kann man das eigentlich machen, also den hier dargestellten Vergleich der Preisveränderungen für das Jahr 2021 und selbst für große Teile des vergangenen Jahres?

Anders ausgedrückt: Kann man die Werte für die Inflationsrate ab der ersten Corona-Welle (die Monate April 2020 ff.) wirklich mit den Vorjahreswerten vergleichen?

Dazu einige kritische Anmerkungen in diesem Beitrag:

➔ Malte Fischer (2020): Die sonderbare Corona-Inflation, in: WirtschaftsWoche Online, 18.12.2020: »Preiserhebungen im Einzelhandel sind ein wichtiges Instrument zur Messung der Inflation. Doch in Zeiten des Lockdowns funktioniert die Methode nicht. Die Statistiker müssen deshalb auf Alternativen ausweichen.«

Schauen wir uns seine Argumentation einmal genauer an:

»In Deutschlands Fußgängerzonen herrscht in diesen Tagen gähnende Leere. Nachdem Restaurants, Museen und Gaststätten wegen der Coronapandemie ihre Pforten bereits vor Wochen schließen mussten, hat es nun auch die Einzelhändler erwischt. Das hat Konsequenzen für eine Berufsgruppe, die mit dem Einzelhandel an sich wenig zu tun hat: Die Preiserheber der statistischen Ämter. Diese schwirren in normalen Zeiten regelmäßig aus, um die Preise für Herrenhosen, Bettwäsche, Bücher und andere Waren vor Ort in den Geschäften zu ermitteln. 

Mehr als 300.000 Einzelpreise werden auf diese Weise erhoben. Anschließend werden sie mit den Preisen anderer Güter, etwa denen für Strom, Gas, Wasser und Mietwohnungen zum Verbraucherpreisindex zusammengefasst. Dieser misst die Kosten der Lebenshaltung. Im November lagen sie um 0,3 Prozent niedriger als vor einem Jahr.«

Dann formuliert Malte Fischer seine Bedenken:

➔ »Doch wie lassen sich die Preise messen, wenn Läden geschlossen, Museen verriegelt und Kinos stillgelegt sind? Wenn Produkte in den Supermärkten und Drogerien, die noch öffnen dürfen, aufgrund der hohen Nachfrage vergriffen sind?  Wenn Hausbesitzer ihren Mietern wegen Corona Nachlässe bei den Mieten, Kindergärten mit eingeschränktem Betrieb den Eltern einen Teil der Kita-Gebühren erstatten?«

➔ »Dazu kommt, dass sich manche Produkte und Dienstleistungen mit denen vor der Coronakrise qualitativ kaum vergleichen lassen. So bieten Gaststätten ihren Kunden Gerichte zum Mitnehmen an, die sonst am Tisch serviert werden. Ein Preisvergleich mit der Vor-Corona-Zeit würde hier in die Irre führen, da er den Qualitätsunterschied durch das Fehlen der Bedienung ausklammert.«

Dennoch werden doch Preissteigerungsraten ausgewiesen. Wie kommen die zustande? Dazu Fischer: Statistiker versuchen, sich mit Hilfe alternativer Methoden einen Überblick über den Preistrend zu verschaffen. Was muss man sich darunter vorstellen?

➔ »Zunächst prüfen die Statistiker, ob die fehlenden Preise anders als durch die Erhebung vor Ort ermittelt werden können. Eine gute Alternative zur stationären Erfassung sind die Preise im Online-Handel. Mittels automatisierter Verfahren (Web Scraping) durchforsten die Statistiker dazu die großen Handelsplattformen und die Webseiten von Händlern. Auch telefonische Anfragen, Prospekte sowie die Analyse von Scannerdaten bieten sich als Datenquellen an.«

»Allerdings können internetbasierte Verfahren die Preiserhebung vor Ort nicht vollständig ersetzen. Viele Einzelhändler und Handelsketten bieten nicht ihr gesamtes Produktsortiment im Netz an. Zudem unterscheiden sich bei manchen Händlern die Online-Preise von denen im Shop vor Ort.«

➔ »Lassen sich die Preise durch Web Scraping nicht verlässlich ermitteln, kommen Imputationsverfahren zum Einsatz. Dabei handelt es sich um Setzungen durch die Statistiker, bei denen sie sich an typischen Verlaufsmustern der Warenpreise in der Vergangenheit orientieren. Güter, deren Preise sich nur selten ändern, etwa die Eintrittspreise für Museen und Sportveranstaltungen, sind am einfachsten zu handhaben. Hier schreiben die Statistiker den zuletzt ermittelten Preis fort. Sie unterstellen also, dass er sich im Berichtszeitraum nicht verändert hat.«

»Bei Gütern, deren Preise saisonabhängig stark schwanken, werden die Saisonmuster der Vergangenheit herangezogen. Haben sich etwa Pauschalreisen in den Vorjahren in den Sommermonaten stark verteuert, werden diese Zuwachsraten auch auf den Berichtszeitraum angewendet.
Fiel ein Produkt in der Vergangenheit weder durch einen stabilen noch stark schwankenden Preis auf, schreiben die Statistiker die Entwicklung anhand von ähnlichen Produkten, deren Preis vor Ort erhoben werden kann, fort. Beispielsweise lässt sich der Preis für Damensocken in Bekleidungsgeschäften, die wegen des Lockdowns schließen müssen, durch die Preisentwicklung von Socken in Supermärkten, die öffnen dürfen, fortschreiben.«

Bereits beim ersten Lockdown im Frühjahr hatten die Statistiker die Methode der Imputation angewendet. Im April, auf dem Höhepunkt des Lockdowns, beruhten 27 Prozent der Preise im Verbraucherpreisindex auf Setzungen. Mit der Öffnung der Geschäfte im Mai sank die Imputationsquote auf knapp 13 Prozent, im Juni ging sie weiter herunter auf 7,5 Prozent, berichtet Fischer in seinem Artikel.

Und das wird nicht nur in Deutschland so versucht:

»In anderen Ländern griffen die Statistiker in noch größerem Umfang auf Setzungen zurück. In Spanien, Italien und Frankreich, wo die Wirtschaft stärker und länger heruntergefahren wurde als hierzulande, beruhten im April zwischen 37 und 47 Prozent aller im Warenkorb enthaltenen Preise auf Setzungen. Nur Schweden, das auf einen umfassenden Lockdown verzichtete, konnte Deutschland in puncto Genauigkeit bei der Preiserhebung schlagen. In dem skandinavischen Land mussten die Statistiker nur drei Prozent aller Preise mittels Imputation ermitteln.«

Was sagt das Statistische Bundesamt?

Die Corona-Pandemie beeinflusst die Preiserhebung für die Verbraucherpreisstatistik, zum Beispiel, weil Geschäfte geschlossen waren oder nur unter Auflagen öffnen konnten. Daher sieht sich die Verbraucherpreisstatistik vermehrt mit Preisausfällen konfrontiert. Trotz dieser Einschränkungen bei der Vororterhebung konnte die Qualität des Verbraucherpreisindex insgesamt jedoch weiterhin gewährleistet werden – behauptet das Statistische Bundesamt:

➔ Statistisches Bundesamt (2021): Zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Preiserhebung für den Verbraucherpreisindex / Harmonisierten Verbraucherpreisindex, Wiesbaden, 15.04.2021

Ebenfalls aus dem Statistischen Bundesamt dieser Beitrag:

➔ Susanne Hagenkort-Rieger (2020): Wird die „wahre“ Inflationsrate gemessen? Praxis der Inflationsmessung vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, in: Wirtschaftsdienst, Heft 11/2020, S. 842–847

In diesem Beitrag finden Sie im ersten Teil eine ausführliche Diskussion der Qualität der erhobenen Preissteigerungsraten (der Plural ist hier von Bedeutung, denn neben dem Verbraucherpreisindex – VPI – wird auch der Harmonisierte Verbraucherpreisindex – HVPI – berechnet, der beispielsweise für das Zinsziel der Europäischen Zentralbank relevant ist).
Schauen Sie sich einmal die Ausführungen von Hagenkort-Rieger an, ob Sie den Unterschied zwischen dem VPI und dem HVPI verstehen, wie er dort erläutert wird.

Im zweiten Teil geht es dann um die hier besonders interessierende Inflationsmessung in der Corona-Krise. Hier wird hervorgehoben: »Der (H)VPI blieb insgesamt auch in der Lockdown-Zeit im Frühling in seiner Aussage qualitativ hinreichend verlässlich. Als besonders krisensicher für die Inflationsmessung erwies sich in dieser Zeit die erweiterte Nutzung von digitalen Datenquellen. Für einen Großteil der Erhebungspositionen findet neben einer stationären Erhebung seit vielen Jahren eine Online-Erhebung statt. Sofern es für diese Erhebungspositionen Probleme bei der praktischen Vorort-Erhebung gab, konnte teilweise auf die Preise der Online-Erhebung zurückgegriffen werden. Die manuelle Online-Erhebung wird aktuell sukzessive auf ein automatisiertes Verfahren umgestellt, das sogenannte Web Scraping. Dieses Instrument konnte während der Corona-Krise ohne Qualitätsverluste verstärkt angewendet werden. Die schon erwähnten experimentellen Kassendaten aus dem Einzelhandel konnten coronabedingte Erhebungsausfälle der traditionellen Preiserhebung zumindest zum Teil auffangen.«

Der Artikel wurde im November 2020 veröffentlicht. Zum damaligen Zeitpunkt bilanziert die Verfasserin:

Für die Entwicklung der Verbraucherpreise prägend waren bislang folgende Einflussfaktoren:
➞ Die massiven Preisrückgänge für Rohöl auf dem Weltmarkt,
➞ der Preisanstieg bei Nahrungsmitteln und
➞ die temporäre Senkung des Mehrwertsteuersatzes.

Dazu genauer:

»Die massiven Preisrückgänge für Rohöl auf dem Weltmarkt bedingt durch ein Überangebot an Öl bei begrenzten Lagerkapazitäten schlugen sich in abgeschwächter Form bis zu den Verbraucherpreisen durch – Tanken war so günstig wie seit rund vier Jahren nicht. Tiefer in die Tasche greifen mussten Verbraucher*innen hingegen insbesondere beim Kauf von frischem Obst und Gemüse. Neben einer sehr trockenen Witterung lag dies zum Teil an den coronabedingt erschwerten Ernten und Transporten dieser Waren. Bei einzelnen Dienstleistungen ließen sich – vor allem bedingt durch Hygieneauflagen wie Abstand halten, Masken und Einweghandschuhe tragen – Preisanstiege beobachten. Beispielsweise haben sich Friseurbesuche von August 2019 bis August 2020 um durchschnittlich 6,3 % verteuert.

Die im Corona-Konjunkturpaket der Bundesregierung beschlossene Senkung des Mehrwertsteuersatzes vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 2020 hat erheblichen Einfluss auf die Preisentwicklung. Die Inflationsrate ist seit Juli 2020 von dieser mit dem Ziel der Stärkung der Binnennachfrage eingeführten Steuersatzsenkung beeinflusst und wird es aufgrund eines Basiseffekts10 auch im nächsten Jahr sein. Nach einer Modellrechnung des Statistischen Bundesamts hat die Steuersatzsenkung bei vollständiger Weitergabe an die Verbraucher*innen rein rechnerisch einen preisdämpfenden Effekt auf die Entwicklung der Verbraucherpreise von bis zu 1,6 Prozentpunkten (Statistisches Bundesamt, 2020b). Tatsächlich betrug die amtliche Inflationsrate im Juli 2020 – gemessen am VPI gegenüber dem Vorjahresmonat – -0,1 % und ist damit ins Minus gerutscht. Auch in den Folgemonaten zeigte die Mehrwertsteuersenkung Wirkung: Im August 2020 lag die Inflationsrate bei 0,0 %, im September und Oktober 2020 betrug sie jeweils -0,2 %.«

Und abschließend wird auch dieses schon vor Corona sehr umstrittene Thema angesprochen: Gefühlte Inflation: »Wie schon zur Einführung des Euro-Bargelds im Jahr 2002 gibt es auch in der Corona-Krise eine verstärkte Diskussion darum, ob die „wahre“ Inflationsrate gemessen würde. Die Konsument*innen würden etwas ganz anderes wahrnehmen als die offizielle Inflationsrate ausweist.«

»Davon abgesehen, dass sowohl die subjektive Wahrnehmung als auch die tatsächliche persönliche Inflationsrate individuell variieren, wurden verschiedene methodische Annäherungsversuche und Erklärungsmuster für die gefühlte Inflation entwickelt. Viel beachtet wurde in diesem Zusammenhang der von Hans Wolfgang Brachinger (2005) entwickelte „Index der wahrgenommenen Inflation (IWI)“. Ziel des Index war, das Ausmaß zu quantifizieren, in dem ein repräsentativer Haushalt nach seiner subjektiven Wahrnehmung bei seinen täglichen Einkäufen von der Inflation betroffen ist. Einen wissenschaftlichen Erklärungsansatz lieferte Brachinger mit der sogenannten Prospect Theory von Kahnemann und Tversky (1979, Brachinger, 2005). Demnach werden Verluste – übersetzt in die Preisstatistik sind das Preiserhöhungen – stärker wahrgenommen als Gewinne, also Preissenkungen. Zudem enthielt der IWI die durchaus schlüssige Annahme, dass die Preisentwicklung von Alltagsgütern stärker wahrgenommen wird als die von langlebigen Produkten wie Waschmaschinen oder Autos.«

Die Verfasserin des Beitrags zeigt, dass es eine erhebliche Spannweite bei den ausgewiesenen Werten für die „gefühlte Inflation“ gibt:

»Recherchen zur aktuell wahrgenommenen Inflation ergeben ein uneinheitliches Bild und zeigen unter anderem die große Spreizung der methodischen Ansätze …, die sich mit dem Thema befassen. So ergaben Berechnungen der Großbank UniCredit für Juli und August 2020 gefühlte Inflationsraten für Deutschland von -1,8 % bzw. -1,7 %. Dies seien die niedrigsten Werte seit März 2016. Sie kämen zustande, weil die UniCredit-Expertinnen die Waren und Dienstleistungen nach ihrer Kaufhäufigkeit gewichteten und sich die gesenkte Mehrwertsteuer und niedrige Kraftstoffpreise somit in den Berechnungen besonders stark auswirkten. Dagegen spricht ein Teil der Presse derzeit von einer hohen gefühlten Teuerung für die Eurozone – mit gefühlten Teuerungsraten zwischen 5 % und 7 % – und stützt sich dabei auf Ergebnisse der Konsumentenbefragungen der EU-Kommission … Tatsächlich ergaben die Befragungen der Kommission für das dritte Quartal 2020 zwar eine niedrigere gefühlte Inflation in der Eurozone als im langjährigen Mittel der Jahre 2004 bis 2020, jedoch stieg die wahrgenommene Teuerung im Vergleich zur Phase unmittelbar vor der Corona-Krise … .«

Die EZB hat schon im Frühjahr versucht, auf steigende Inflationsrate vorzubereiten und gleichzeitig zu beruhigen

»Die Industrieländer geben im Kampf gegen die Corona-Pandemie Rekordsummen aus, ihre Verschuldung ist auf 125 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen. Parallel pumpen die wichtigen Zentralbanken hunderte Milliarden in die Finanzmärkte. Doch wirklich spüren tut das bisher niemand. Denn möglich ist das alles nur, weil die Inflation extrem niedrig ist und damit verbunden auch die Zinsen. Wie lange bleibt das so?« Diese Frage wurde an Isabel Schnabel, die im wichtigsten Gremium der Europäischen Zentralbank (EZB), dem Direktorium, sitzt, weitergegeben. Hier einige ihrer Argumente aus dem Interview mit ihr, das unter der Überschrift EZB-Direktorin Schnabel: „Die Inflation ist nicht tot“ veröffentlicht wurde: 

»Dass die Inflation seit mehreren Jahren so niedrig ist, hat vor allem mit strukturellen Veränderungen unseres Wirtschaftslebens zu tun. Die Globalisierung, insbesondere der Eintritt Chinas in den Welthandel, hat das globale Arbeitsangebot erhöht und die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer – und damit den Lohnanstieg – gesenkt. Das hat dämpfend auf die Preisentwicklung gewirkt. Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass die Transparenz bei Preisen und damit der Wettbewerb gestiegen ist, denken Sie an den Onlinehandel. Außerdem könnte die Demografie eine Rolle spielen: Aufgrund der Alterung der westlichen Gesellschaft wurde im Schnitt mehr gespart, zugleich wurde weniger investiert. Aber diese Faktoren können sich wieder verändern.«

»Manche Ökonomen, wie der Brite Charles Goodhart, argumentieren, dass die Inflation wieder deutlich steigen wird, weil sich die oben genannten Faktoren umkehren könnten. Mit der Alterung könnte das globale Arbeitsangebot zurückgehen, die Löhne könnten steigen, und die Globalisierung könnte sich abschwächen. Die Menschen, die für das Alter gespart haben, könnten nun damit beginnen, mehr auszugeben, während das Güterangebot nicht in demselben Maße steigt. Hinzu kommt, dass die Digitalisierung zu einem Anstieg der Marktmacht in manchen Bereichen geführt hat. Solche längerfristigen Trends lassen sich allerdings nur schwer prognostizieren, und es könnte auch anders kommen.«

Was sagt die EZB-Direktorin zu den aktuellen Perspektiven für das laufende Jahr?

»(Die) Pandemie (hat) die Inflation über die vergangenen Monate nochmals deutlich nach unten gedrückt. Wir erwarten jedoch, dass sich das ändern wird und es 2021, ausgehend von den derzeitigen negativen Niveaus, zu einem Anstieg der Inflation kommen wird.«

Auf welcher Basis beruht diese Einschätzung einer steigenden Inflation? »Der Rückgang der Energiepreise war ein wesentlicher Grund, warum die Inflation 2020 stark gesunken ist. Dämpfend wirkten auch die temporären Umsatzsteuersenkungen, allen voran in Deutschland, weil die Bundesrepublik im Index ein so großes Gewicht hat. Die Steuersenkung in Deutschland ist jetzt ausgelaufen. Bei den Energiepreisen dürfte bald ein kräftiger Anstieg relativ zum Vorjahr feststellbar sein, weil die Preise im Frühjahr 2020 so niedrig waren.«

Zugleich versucht sie uns zu beruhigen, was mögliche Ängste vor einem starken Anstieg der Preise angeht: »Im Moment gibt es keine Anzeichen dafür, dass man sich über eine zu hohe Inflation Sorgen machen muss. Wir erleben eine ausgeprägte Nachfrageschwäche. Es ist zu befürchten, dass die Krise längerfristige Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben wird. Insgesamt überwiegt vermutlich das Problem, dass die wirtschaftliche Nachfrage zu schwach ist, nicht dass es zu Kapazitätsengpässen kommt, weshalb die Preise eher zu langsam steigen dürften.«

Wie heißt es so schön? Schauen wir mal.

Info-Tipp: Das Statistische Bundesamt hat am 24. Juni 2021 diesen Podcast veröffentlicht, den Sie sich als Audio-Datei herunterladen und anhören können:
Die Inflation und die Folgen der Corona-Pandemie für die Preisentwicklung: »Die Wirtschaft zieht wieder an, die Preise steigen – Expertinnen und Experten für Ökonomie und Geldpolitik erwarten Teuerungsraten von bis zu 4 % in diesem Jahr. Wie beeinflusst die Corona-Krise die Preisentwicklung? Wo steigen die Preise und was sind die Gründe dafür? Und inwieweit bilden die aktuellen Ergebnisse wirklich ab, was Verbraucherinnen und Verbraucher an der Ladenkasse und im Onlinehandel erleben? Da gibt es viel Klärungsbedarf, auf den wir in unserem aktuellen StatGespräch – dem Podcast des Statistischen Bundesamtes – gern eingehen. Dazu sprechen wir mit zwei Fachleuten aus der Preisstatistik: Christoph-Martin Mai leitet das Referat Verbraucherpreise im Statistischen Bundesamt, Nadin Sewald ist Referentin für Methoden und Kommunikation in der Preisstatistik.« Wenn Sie lieber lesen als hören wollen, dann können Sie sich den Podcast auch als Transkript anschauen.