Das Fallbeispiel Türkei. Ein Nachtrag zu der ungleichen Betroffenheit von „der“ Inflationsrate

Ich hatte Ihnen in der Vorlesung im Kontext der Behandlung des Themas Inflation (und „der“ Inflationsrate als Fallbeispiel eine Aufarbeitung dessen präsentiert, was derzeit in der Türkei passiert. Ausgangspunkt war der Beitrag Gefangen in der Lira-Inflationsspirale von Angela Göpfert: »Die Inflationsrate in der Türkei ist auf knapp 20 Prozent gestiegen. Das Land ist gefangen in einer Spirale aus fallender Lira und steigenden Inflationsraten – und das bittere Ende kommt erst noch.«

Wir haben bei der Besprechung des Fallbeispiels gesehen, dass man eine ganze Reihe an volkswirtschaftlichen Zusammenhängen berücksichtigen muss, um die sehr hohe Inflationsrate verstehen zu können. Zum einen wird der immer dramatischere Kursverfall der türkischen Lira als Auslöser für die enorme Preissteigerung in der Türkei identifiziert. »Die billige Lira verteuert Waren-Importe aus dem Ausland. Das lässt die Kosten für Unternehmen und die Lebenshaltungskosten vieler Türken steigen. Die logische Folge: steigende Inflationsraten. In der Volkswirtschaftslehre wird dieser Teufelskreis aus Währungsabwertung und anziehenden Verbraucherpreisen auch als Abwertungsspirale bezeichnet.«

Und die Abwertung der türkischen Lira ist wirklich gewaltig: Vor fünf Jahren, im November 2016, gab es für einen Euro 3,55 türkische Lira, am 8. November 2021 stand der Kurs bei 11,23 türkische Lira für einen Euro.

Nun ist nach den meisten volkswirtschaftlichen Lehrbüchern eigentlich klar, was passieren müsste, um der Abwertungsspirale ein Ende zu setzen: »Höhere Zinsen in der Türkei würden die globalen Kapitalströme in Richtung des Landes am Bosporus lenken und so für eine Aufwertung der türkischen Lira sorgen, die letztlich der Inflation Einhalt gebieten könnte.« Aber die Geldpolitik der türkischen Zentralbank folgt einem gegenteiligen Muster: »Entgegen allen ökonomischen Theorien und Erfahrungswerten ist Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nämlich davon überzeugt, dass sich die türkische Wirtschaftskrise nur mit niedrigen Zinsen überwinden lässt. Und diese Überzeugung setzt er mit aller Macht durch, greift dazu immer wieder massiv in die Geldpolitik ein. Allein in den vergangenen zweieinhalb Jahren hat er drei Zentralbankchefs entlassen, weil sie seine Vorstellungen nicht umsetzten. Die jüngste drastische Zinssenkung der türkischen Notenbank um zwei volle Prozentpunkte auf 16 Prozent dürfte denn auch auf direkten Wunsch Erdogans hin erfolgt sein.«

Das geldpolitische Experiment Erdogans könnte in einer „Todesspirale“ für die türkische Wirtschaft enden, wie das Paul Krugmann bereits 2018 beschrieben hat. Der Lira-Verfall hat dramatische Folgen – für den türkischen Staat, die türkischen Unternehmen, die türkische Bevölkerung und die Finanzmärkte. So trennen sich immer mehr Anleger von Anleihen des Landes.

Ich hatte bei der Erläuterung der Rahmenbedingungen auch auf die Zusammenhänge mit der Demografie des Landes hingewiesen. Die Türkei ist gekennzeichnet durch eine jähr für Jahr wachsende Bevölkerung – in den vergangenen Jahren gab es jährlich eine Million Einwohner mehr!

Und die Türkei hat aufgrund der in der Vergangenheit höheren Geburtenrate (die mittlerweile allerdings auch rückläufig ist) eine junge Altersstruktur, es gibt also viele junge Menschen, die nach der Schule einen Job oder einen Studienplatz brauchen. Allein deshalb ist Erdogan auf ein hohes Wirtschaftswachstum angewiesen.

Allerdings ist die gerade die Lage vieler junger Menschen in der Türkei schlecht. Dazu hatte ich Ihnen schon den Hinweis auf diesen Beitrag gegeben:

➔ Deutschlandfunk Kultur: Türkische Jugend unter Druck – Jobs und Freiheit verzweifelt gesucht (22.09.2021): »In der Türkei leben viele junge Menschen. Der Altersdurchschnitt liegt bei 30. Die meisten träumen von einem Leben im Ausland, jenseits der wirtschaftlichen Probleme ihrer Heimat, der Arbeitslosigkeit und des strengen Familienkorsetts.«

Aber in diesem ergänzenden Beitrag soll es um einen anderen Aspekt gehen, der wieder anknüpft an unser Ausgangsthema, also „die“ Inflation. „Die“ in Anführungszeichen, weil es die eine Preissteigerungsrate nicht gibt. Ich hatte bereits in der Vorlesung darauf hingewiesen, dass es große Unterschiede im Konsummuster in Abhängigkeit vom Einkommensniveau gibt. Insofern geben beispielsweise Menschen mit geringen Einkommen anteilsmäßig deutlich mehr Geld aus für Nahrungsmittel, für Energie und Mieten als Haushalte mit einem hohen verfügbaren Einkommen, von dem dann auch noch eine ordentliche Menge gespart wird.

Dazu möchte ich Sie mit Blick auf die Türkei auf diesen neuen Beitrag hinweisen, in dem es vor allem um die verheerenden sozialen Folgen der Inflation geht:

➔ Emre Eser (2021): Türkei: Menschen leiden unter verfehlter Geldpolitik, Deutsche Welle Online, 08.11.2021

»Die rasant steigende Inflation in der Türkei mindert die Kaufkraft der Menschen. Besonders Grundnahrungsmittel sind drastisch teurer geworden. Das treibt viele Türken in die Armut.«

»Laut dem Türkischen Statistikinstitut (TÜIK) lag die Inflationsrate im Oktober auf Jahresbasis gerechnet bei 19,89 Prozent … Zugleich wird behauptet, dass die offiziellen Zahlen nicht die reale Inflation widerspiegelt. Nach den Berechnungen eines unabhängigen Expertengremiums, welche sich Inflationsforschungsgruppe nennt, lag die Preissteigerungsrate im Oktober bei 49,87 Prozent.«

„Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen dem Verbraucherindex und dem Herstellerpreisindex. Die Hersteller haben diese Preiserhöhungen, die durch die hohe Inflation entstehen, noch nicht auf ihre Verkaufspreise aufgeschlagen. Der Erzeugersektor kann diesen hohen Belastungen, denen er ausgesetzt ist, maximal drei Monate standhalten“, so die Ökonomin Özlem Derici Sengül.

Nach Auskunft des Türkischen Statistikamtes wurde der stärkste Anstieg der monatlichen Inflation durch Nahrungsmittel hervorgerufen. Vor allem bei Tomaten und Paprika wurden monatliche Preissteigerungen von 32 bis 36 Prozent festgestellt. Je höher die Preise für Grundnahrungsmittel steigen, desto geringer wird die Kaufkraft besonders derjenigen sein, die nur den Mindestlohn verdienen.

Und hier kommt wieder die Abwertung der türkischen Währung ins Spiel: Obwohl der Mindestlohn, der 2015 bei 1.000 Lira lag, im Jahr 2021 auf 2.825 Lira angehoben wurde, sank er in den vergangenen sechs Jahren durch die Abwertung der Lira im Vergleich von 332 auf 252 Euro.

»Bedingt durch den rasanten Anstieg der Nahrungsmittelpreise begannen sich auch die Konsumgewohnheiten der Bürger in der Türkei zu ändern. Für Menschen zählen nur noch die Grundbedürfnisse. Alles andere ist für viele überflüssiger Luxus. Fleisch ist am stärksten vom Anstieg der Lebensmittelpreise betroffen – es gehört zu einem der Hauptnahrungsmittel der türkischen Küche … (So) lag der Preis für so genannte Rinderschlachtkörper am 5. November 2020 bei 35,31 Lira. Nur ein Jahr später, am 5. November 2021, musste man 48,11 Lira bezahlen. An Fleischtheken wird Rindergehacktes, das im gleichen Zeitraum um mindestens 30 Prozent gestiegen ist, zu Preisen ab 60 bis 65 Lira verkauft, was einer Preissteigerung von 20 Prozent entspricht. Andere Fleischprodukte wie Rinderfilet, Rindergulasch, Steaks u. ä. verteuerten sich um 60 Prozent.«

Doch nicht nur die Bürger sind die Leidtragenden, sondern auch Ladenbesitzer, Gewerbetreibende und Produzenten. Viele Hersteller müssen zu höheren Preisen produzieren und können nur zu niedrigeren Preisen verkaufen.

➞ »Adem Kösen ist seit über 20 Jahren Metzger im Istanbuler Stadtteil Alibeyköy. Er beklagt sich, dass die Preise für Fleisch allein im vergangenen Jahr um 60 Prozent gestiegen seien. Kösen sagte jedoch, dass sie den gleichen Anstieg nicht einfach an ihre Kunden weitergeben könnten: „Wenn wir die Preise entsprechend anheben würden, kämen die Kunden nicht mehr. Wir sind gezwungen, unsere Gewinnmarge zu reduzieren.“ … Der Vorsitzende des Verbandes der türkischen Kleinstunternehmer und Handwerker (TESK), Bendevi Palandöken, sagt …, dass die meisten Handwerker ihre Produkte jetzt zum Selbstkostenpreis verkaufen, ohne Gewinn zu erwirtschaften.« Das kann man eine Zeit lang machen, aber eben nicht auf Dauer.