Das große Rätselraten: Was hat es mit dieser Inflation auf sich? Ist sie gekommen, um bald wieder zu gehen? Oder wird sie bleiben und ansteigen? Fragen über Fragen

Wir haben uns aus gutem Grund festgebissen am Thema Inflation. Die war jahrelang kein Problem, eher das Gegenteil, denn die offiziellen Inflationsraten beispielsweise für den Euro-Raum lagen in den vergangenen Jahren immer teilweise sogar deutlich unter den „knapp unter 2 Prozent“, die von der EZB als Zielerreichung hinsichtlich der Geldwertstabilität ausgegeben wird. Es gab in der Vergangenheit sogar immer wieder Debatten über das „Deflationsgespenst“.

Nun sind, wie wir gesehen haben, die aktuellen Preissteigerungsraten wieder auf einem ganz anderen Niveau (der Plural Preissteigerungsraten wird hier ganz bewusst verwendet). Und als Reflex auf diese Entwicklung sehen wir eine Diskussion, in der zum einen versucht wird, Ängste zu relativieren und von einem nur vorübergehenden Ausschlag der Inflationsraten auszugehen, während ein anderer Teil der Diskutanten die Gefahr einer Verfestigung einer hohen Inflation an die Wand malt.

Beispielhaft für diese gespaltene Debatte (und bereits den Blick auf die EZB gerichtet), sei hier dieser Beitrag angeführt: Die Inflation bleibt ein Rätsel, so hat Gerald Braunberger von der FAZ seinen Artikel überschrieben: »Noch ist unklar, ob hohe Inflationsraten eine Episode bleiben oder zu einer dauerhaften Gefahr werden. Das akzeptiert nun sogar die EZB.« Schauen wir uns seine Argumentation einmal genauer an:

Die hohen Inflationsraten des Jahres 2021 erklären sich zu einem Teil mit einem ungewöhnlich niedrigen Preisniveau im Vorjahr. Außerdem sind Sondereffekte am Werk, die nicht dauerhaft sein müssen. Was muss man sich darunter vorstellen? Sie werden gleich lesen, dass es hier einen Link gibt zu unserem ersten Schwerpunktthema, der Ökonomie der Corona-Krise:

»Zu den gegenwärtig preistreibenden Sondereffekten zählen neben sehr stark steigenden Rohstoffpreisen auch Eng­pässe in der globalen Versorgung mit Gütern. Eine neue Analyse aus der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zeigt, wie sehr durch die Pandemie bedingte Störungen der internationalen Lieferketten das Preisgefüge durcheinandergebracht haben. Am Werk sind unter anderem Selbstverstärkungseffekte, weil In­dustrieunternehmen aus Furcht vor Lieferengpässen bei Vorprodukten Lager­be­stände aufbauen wollen. Die damit verbundenen zusätzlichen Bestellungen treiben die Preise der begehrten Vorprodukte, zum Beispiel Halbleiter, noch zu­sätzlich. Fachleute sprechen von einem „Peitscheneffekt“. Aber auch in ihrem Aus­maß unerwartete Nachfrageverschiebungen von Dienstleistungen zu Gütern durch Konsumenten tragen zu den Engpässen bei, die nach manchen Schätzungen im lau­fenden vierten Quartal 2021 ihren Hö­hepunkt erreichen könnten.«

Diejenigen, die vor einer „Inflations-Hysterie“ warnen, argumentieren nicht nur damit, dass diese Sondereffekte irgendwann wieder auslaufen werden. Sie gehen auch auf ein anderes Argument derjenigen ein, die von einer Verfestigung der aktuelle hohen (und möglicherweise noch steigender) Inflationsraten ausgehen: Durch die jahrelange Politik des billigen Geldes der Notenbaken, die auch weiter fortgeführt wird seitens der EZB, werde immer mehr Geld in die Märkte gepumpt und das müsse zu steigender Inflation führen. Hier verweisen die Kritiker auf eine Erfahrung mit der Geldmengenexpansion, die im Gefolge der letzten großen Krise gemacht wurde:

»Nach der Großen Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 schaltete die Geld- wie die Finanzpolitik in zahlreichen Ländern auf große Expansion. Dies führte, wenig erstaunlich, gerade in Deutschland zu einer ausgeprägten Inflationsfurcht, obgleich die Ra­te der Geldentwertung nur lang­sam zulegte. Die damals noch unter ei­nem vernehmbaren deutschen Einfluss stehende Europäische Zentralbank (EZB) rea­gierte im Frühjahr und im Sommer 2011 mit zwei ­ – allerdings mit jeweils 0,25 Prozentpunkten geringfügigen ­ – Leit­zinserhöhungen, die wegen einer Ver­schlechterung der Wirtschaftslage schon wenige Monate später wieder zu­rückgenommen werden mussten.«

Aufgabe: „Inflationsfurcht“ im Zuge einer sehr expansiven Geldpolitik – dazu lesen Sie bitte diesen Beitrag, der am 5. April 2009 veröffentlicht wurde: Angst vor Mega-Inflation wächst: »Die G-20-Regierungschefs lassen sich wie Heilsbringer feiern: Billionen von Dollar nehmen sie in die Hand, um die weltweite Rezession zu bekämpfen. Doch die Rechnung zahlen andere. Neben den Steuerzahlern bluten vor allem die Sparer – ihnen droht eine gewaltige Inflation.«

Jetzt wechselt Gerald Braunberger die Seite, denn: »Freilich haben auch Warner vor einer Unterschätzung der gegenwärtigen Inflation ihr historisches Beispiel parat«, schreibt er:

»Ende der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts baute sich, von den Vereinigten Staaten ausgehend, ein globaler Inflationsdruck auf, der, befördert durch expansive Geld- und Finanzpolitik sowie starke Lohnsteigerungen auch in Europa, nachhaltige Inflationsprozesse in Gang setzte, die durch zwei Ölkrisen noch befördert wurden. Im Jahre 1980 lag die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten bei fast 14 Pro­zent, in Großbritannien bei 18 Prozent; in Deutschland hatte sie in jenem Zyklus schon im Jahre 1973 mit 7 Prozent ihren Höchststand erreicht. Spiralen aus steigenden Löhnen und Preisen hatten die Inflation in den Siebzigerjahren maßgeblich getrieben, bis die Zentralbanken schließlich auf die Bremse traten und zur Wiedergewinnung der Geldwertstabilität vorübergehend tiefe Rezessionen in Kauf nahmen.«

Aufgabe: In dem damaligen Kontext wurde auch ein (behaupteter) Zusammenhang immer wieder vorgetragen: Eine höhere Inflation führt zu einer niedrigeren Arbeitslosenquote. Berühmt ist der Ausspruch des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD): Ihm seien 5 Prozent Inflation lieber als 5 Prozent Arbeitslosigkeit. In der volkswirtschaftlichen Diskussion wurde dies als „Philipps-Kurve“ thematisiert. Diese Kurve soll den Zusammenhang zwischen Lohnänderungen bzw. Preisniveauänderungen auf der einen und der Arbeitslosenquote auf der anderen Seite beschreiben. Sie wurde 1958 vom englischen Statistiker und Ökonomen Alban William Housego Phillips in der Zeitschrift Economica publiziert und später u.a. von Paul A. Samuelson modifiziert zu einer „erweiterten Phillips-Kurve“, die einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und der Veränderung der Inflationsrate herstellt, der hier auch schon angesprochen wurde.
Bitte erstellen Sie eine Abbildung, die den Zusammenhang zwischen der Inflationsrate und der Arbeitslosenquote für Deutschland (nach der Wiedervereinigung, also ab 1991 bis heute) visualisiert. Die Daten dafür finden Sie beim Statistischen Bundesamt. Bitte überlegen Sie auch, welche möglichen kritischen Einwände man gegen den beschriebenen angeblichen Zusammenhang zwischen Inflationsrate und Arbeitslosenquote (wenn er denn existieren sollte), vortragen könnte.

Wieder zurück in die Gegenwart: Die seit Monaten in der internatio­nalen Fachwelt diskutierte Frage lautet daher: Stellt der Preisschub des Jahres 2021 ein überwiegend auf vorüberge­henden Einflüssen beruhendes Phänomen dar, auf das die Geldpolitik nicht (über)reagieren sollte, oder sehen wir den Beginn einer längerfristigen Ära stei­genden Preisdrucks?

Und was antwortet uns Gerald Braunberger auf diese Frage?

Nach Mo­naten lautet die frustrierende Antwort: Die Daten geben noch immer keinen klaren Hinweis darauf, welche Sichtweise sich als richtig herausstellen wird.

Was folgt für ihn daraus? »Daher sollte man weder die hartnäckigen Ver­wei­gerer, denen die Vorstellung einer dauerhaft höheren Inflationsrate mit stei­­­genden Zinsen nicht in ihre wirtschaftspolitische Traumwelt passt, noch die noto­rischen Hysteriker und Geschäftemacher mit der Angst der Menschen, die dräuende Geld- und Währungskrisen an ihre finsteren Wände malen, ernst nehmen.«

Natürlich könnte man nun Zuflucht suchen bei den mehr oder weniger großen Köpfen der Volkswirtschaftslehre. Braunberger zeigt aber, dass es selbst innerhalb der historisch gewachsenen Schulen Unterschiede gibt hinsichtlich der Einschätzung der Inflationsrisiken. Und er verknüpft das mit einem – diskussionsbedürftigen – (angeblichen) Zusammenhang mit dem Alter der Ökonomen:

»Vielmehr ist es interessant zu sehen, wie selbst innerhalb einer ökonomischen Schule wie dem … Keynesianismus die Ansichten mit dem Alter der Protagonisten auseinandergehen. Mit Olivier Blanchard (Jahrgang 1948), Larry Summers (Jahrgang 1954) und Roger E. Farmer (Jahrgang 1955) warnen drei bekannte keynesianische Öko­nomen aus der Generation der Altvorderen beharrlich vor einer Unterschätzung der Inflation vor allem in den Vereinigten Staaten. Dieses Triumvirat weiß aus der Erfahrung der Siebzigerjahre, wie ein zu selbstsicherer ökonomischer Mainstream in einem sich rasch wandelnden Umfeld zu seiner eigenen Überraschung scheitern kann. Ihnen ist das bekannte, von John Maynard Keynes stammende Bonmot vertraut: „Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Was tun Sie, mein Herr?“ Demgegenüber fällt jüngeren Ökonomen, die in einer Welt no­­­torisch niedriger Inflationsraten aufgewachsen sind und die häufig kaum anderes kennen als den seit mehreren Jahrzehnten dominierenden Mainstream, die plötzliche Vorstellung schwer, ihre Lehrbuchmodelle könnten auf einer unerwartet morschen Grundlage ruhen.«

Braunberger führt dann weiter aus: »Irrtümer von Ökonomen bleiben glück­licherweise häufig folgenlos, Irrtümer von Geldpolitikern können unglücklicherweise höchst unerfreuliche Konsequenzen für die Allgemeinheit haben.«

Damit wären wir wieder bei denen, die konkrete geldpolitische Entscheidungen treffen müssen. Für den Euro-Raum wäre das die EZB.

➔ Dazu beispielsweise dieser Beitrag: Wie Zentralbanken auf die Inflation reagieren: »Warten, zumindest bei der EZB. Das kann klug sein. Oder hilflos«, so Carsten Meyer. Auch bei ihm tauchen sie auf, die beiden Lager: »Was nun zu tun sei – das ist die Frage. Dabei teilt sich die Fachwelt in zwei Lager. Zum einen ist da „Team Transitory“. Das sind jene, die den Inflationsschub für „vorübergehend“ halten. Die Europäische Zentralbank (EZB) gehört dazu, die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed), überhaupt die meisten großen, öffentlichen Institutionen. Und viele Ökonomen. Im anderen Lager sitzt eine bunte Mischung: Leute wie Großinvestor George Soros, Ray Dalio, Gründer des Hedgefondsriesen Bridgewater, das ökonomische Schwergewicht Lawrence Summers, die Finanzmagier von Goldman Sachs, eine große Zahl von Industrieunternehmen sowie Larry Fink, Boss des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock. Und natürlich ebenfalls viele Ökonomen.« Der Streit hat auch die Notenbanken erreicht: »In Amerikas Fed rumort es. Die Stimmen, die angesichts der Inflation ein frühzeitiges Ende der lockeren Geldpolitik fordern, werden lauter. Vorläufig hat man sich jedoch nur darauf geeinigt, das Gelddrucken, beginnend diesen November, um monatlich 15 Milliarden Dollar zu reduzieren und so bis Mitte 2022 auslaufen zu lassen. Zu Zinserhöhungen hält sich Fed-Chef Jerome Powell bedeckt. Allgemein wird jedoch mit einem ersten Schritt Mitte 2022 gerechnet. Insgesamt vermittelt die Federal Reserve einen zwar zögerlichen, aber doch alerten und handlungsfähigen Eindruck.« Und wie sieht es bei der EZB aus? »Bei der EZB ist die Gemengelage diffuser. Zwar stieg die Eurozonen-Inflation im Oktober auf 4,1 Prozent, doch es dominiert die große Sorge, dass ein zu frühes Anziehen der Geldpolitik die schwache Wirtschaft wieder in die Rezession kippt. So wie 2011.« Nun muss man berücksichtigen, dass die EZB eine komplexe Steuerungsaufgabe hat, die sich anderen Volkswirtschaften mit einer eigenen nationalen (Einzel-)Währung so nicht stellt: »Angesichts hoher Schuldenquoten in Italien, Portugal, Spanien oder Griechenland sowie struktureller Probleme dieser Volkswirtschaften sind höhere Zinsen und insgesamt ein Ende der ultralockeren Geldpolitik auf absehbare Zeit schwer vorstellbar. Dies spiegelt auch der Euro-Kurs, der seit Jahresbeginn gegenüber vielen anderen Währungen nachggibt.« Insofern kann das nicht überraschen: »EZB-Chefin Christine Lagarde schloss nach dem jüngsten Treffen des Zentralbankrates eine Zinserhöhung im Jahr 2022 ziemlich kategorisch aus. Diese sei „off the chart“.« Die EZB sitzt fest im „Team Transitory“. Also noch und (wahrscheinlich) auf absehbare Zeit.

Zurück zu dem Beitrag von Gerald Braunberger, der eine Differenzierung versucht: »Zentralbanken besitzen keine Instrumente und auch kein Mandat, um unmittelbar gegen drastische Erhöhungen von Energiepreisen oder steigende Preise von Vorprodukten als Folge von Produktionsengpässen vorzugehen. Aber die Zentralbanken besitzen Instrumente und auch ein Mandat, um nachhaltige, durch Spiralen von Löhnen und Preise getriebene An­stiege des Verbraucherpreisniveaus zu brechen.«

»Angesichts der hohen Prognoseun­sicherheit und der unterschiedlichen An­fälligkeit von Volkswirtschaften für das Inflationsvirus kann nicht erstaunen, dass die Zentralbanken derzeit unterschiedliche Wege gehen. In mehreren kleinen und mittelgroßen Ländern, da­runter in Polen, Ungarn und Tschechien, haben die Zentralbanken mit Erhöhungen ihrer Leitzinsen begonnen.«

»Aber in den großen Ländern und Währungsräumen bleiben die Zentralbanken vorsichtiger. In den Vereinigten Staaten hat die Federal Reserve zwar einen allmählichen Ausstieg aus ihrem Anleihekaufprogramm kommuniziert, aber ihre Vertreter blicken nach wie vor sehr stark auf den Arbeitsmarkt, und es ist nicht sicher, dass sich die Annahme der Fi­nanz­märkte auf Leitzinserhöhungen ab der Mitte des kommenden Jahres bestätigen wird. Derweil hat die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten mit 6,2 Prozent ihren höchsten Stand seit dem Jahre 1990 erreicht.«

»Die Europäische Zentralbank ist der Möglichkeit eines ernsthafteren Inflationsproblems lange Zeit mit einer fast schon provozierend ostentativen Verachtung begegnet. Die Beschwörung, das ei­gentliche Problem sei die Gefahr einer zu niedrigen Inflationsrate im kommenden Jahr, wurde noch übertroffen von der In­brunst, mit der Mitglieder des Zentralbankrats die bloße Möglichkeit einer Leitzinserhöhung im kommenden Jahr ausschlossen.«

Allerdings, so die Sichtweise von Braunberger, scheint es Risse zu geben: Denn mittlerweile scheint innerhalb der EZB »die Erkenntnis zu wachsen, dass sich die bisherige, wohl nicht zuletzt von Chef-Volkswirt Philip Lane vertretene Linie nicht durchhalten lässt. Jedenfalls betonte dieser Tage mit Isabel Schnabel ein prominentes Mitglied der EZB-Führungsriege, dass die Zen­tralbank mit Blick auf die Risiken für die Stabilität des Preisniveaus äußerst wachsam sein müsse, da der Preisauftrieb wohl länger andauern werde, als bisher angenommen.« Fazit: »Der EZB-Tanker bewegt sich langsam, aber offenbar beginnt er sich zu bewegen.«