Und noch einmal die Türkei: Zu den verheerenden sozialen Folgen der Inflation (und den Sorgen europäischer Banken)

In den bisherigen Beiträgen zur Inflationsentwicklung in der Türkei und deren Zusammenhänge mit der ganz eigenen Geldpolitik wurde bereits darauf hingewiesen, welche katastrophalen Folgen eine „offizielle“ Preissteigerungsrate von 20 Prozent für Millionen Menschen hat, die jede Geldmünze zweimal umdrehen müssen.

Bereits in einem früheren Beitrag wurde auf den Bericht Türkei: Menschen leiden unter verfehlter Geldpolitik von Emre Eser hingewiesen: »Die rasant steigende Inflation in der Türkei mindert die Kaufkraft der Menschen. Besonders Grundnahrungsmittel sind drastisch teurer geworden. Das treibt viele Menschen in die Armut.«

Und die Inflation schlägt bei den Folgen immer skurrilere Kapriolen: Am 26. September erreicht uns diese Meldung: Wegen Inflation: Apple hebt Preise in der Türkei deutlich an: »Die Preissteigerung allein ist teils höher als der türkische Mindestlohn. Wegen der hohen Inflation gelten iPhones dort als Wertanlage.«

Man muss sich die Größenordnungen (und den Hintergrund) verdeutlichen: »Der US-Technologiekonzern Apple hat die Preise für seine neuesten iPhones in der Türkei über Nacht drastisch angehoben. Das iPhone 12 kostete am Donnerstagabend 10.999 türkische Lira,. Freitagfrüh dann 13.999 Lira (1.020 Euro zum Tageskurs). Das sind 3.000 Lira mehr und mehr als der Mindestlohn in der Türkei von aktuell 2.825 Lira (205 Euro). Zuletzt war die Nachfrage von iPhones als Wertanlage immens gestiegen. Der Preis für das iPhone 13 stieg von 11.999 Lira auf 14.999 Lira – ein Anstieg um 25 Prozent.« Man beachte: Die einen „flüchten“ bei Inflation in klassisches Gold, die anderen in iPhones.

Und dass es mit der Inflation weiter nach oben gehen kann (und wahrscheinlich auch wird), hängt mit der massiven Abwertung der türkischen Währung zusammen, wie Sie schon gelernt haben. Hier ein Update über den erneuten Abwertungsschub der vergangenen Wochen, sowohl gegenüber dem US-Dollar wir auch dem Euro:

Die massiven Folgen der Währungskrise für Millionen Menschen in der Türkei führen nicht nur zu vielfältiger individueller Not, sondern auch zu einer erheblichen Zunahme der sozialen Spannungen in dem Land. „Unser Land läuft Gefahr, im Chaos zu versinken“, so ist einer der Berichte überschrieben: »Die Lira fällt und fällt. In mehreren türkischen Städten gab es Proteste gegen die Regierung von Präsident Erdogan. Die Menschen fordern ein Ende des Währungsverfalls – und vorgezogene Wahlen.« Auch hier wieder: »Viele in der Türkei bekommen den Mindestlohn von etwa 2800 Lira im Monat. Anfang des Jahres waren das noch mehr als 300 Euro, jetzt sind es keine 200 mehr. Dazu kommt eine Inflation von zuletzt offiziell knapp 20 Prozent. Kritische Experten gehen von deutlich mehr aus.«

Aus den Reihen der Regierungspartei AKP kommen solche lebenspraktische Ratschläge an Millionen von Türken: »AKP-Politiker Zülfü Demirbag riet Bürgern, statt zwei Kilo Fleisch monatlich nur ein halbes zu essen. Anstatt zwei Kilo Tomaten reichten vielleicht auch zwei Stück. Gemüse außerhalb der Saison zu essen, sei ohnehin nicht besonders gesund. Anfang des Monats riet Energieminister Fatih Dönmez, die Heizungen runterzudrehen, um Geld zu sparen«, kann man diesem Artikel entnehmen: Türkische Lira bricht ein – Politiker raten beim Essen zu sparen.

Aber es gibt auch eine andere Seite, wie immer bei solchen gesellschaftlichen Verwerfungen: »Die rasante Entwertung der Lira macht den Türken das Leben schwer. Viele halten dennoch zu Erdogan«, so Susanne Güsten unter der Überschrift Schuhe flicken und durchhalten. Auch hier wird erst einmal aus dem Alltag der Menschen in der Türkei berichtet:

»Ein Händler in der Istanbuler Innenstadt kommt mit den Änderungen auf den Preisschildern kaum nach. Beim Großhändler muss er in immer kürzeren Abständen immer mehr für Gemüse, Obst und Eier bezahlen. Und er gibt es an seine Kunden sofort weiter. Seine Stromrechnung im Laden, vor nicht allzu langer Zeit nur 150 Lira im Monat, ist in kurzer Zeit über mehrere Schritte auf fast tausend Lira gestiegen. Tausend Lira sind fast ein Drittel des türkischen Mindestlohns, mit dem die Hälfte der Beschäftigten in der Türkei auskommen muss. Auch zu Hause steigen die Ausgaben für den Grundbedarf ständig, erzählt der Gemüsehändler. Das gesamte Gehalt eines Bekannten reiche gerade noch für seine Gasrechnung … Deshalb sparen die Leute, wo sie können. Ein Schuster in Istanbul sagt, seine Kunden würden ihre alten Schuhe flicken lassen, statt neue zu kaufen. In einer Autowerkstatt wartet der Meister mit seinem Gesellen vergeblich auf Kundschaft. Nur selten komme noch jemand, um sein Auto warten oder reparieren zu lassen, sagt er. Ersatzteile und Motoröl – Importware aus dem Ausland – seien kaum noch zu bezahlen. Selbst den regelmäßigen Friseurbesuch schenken sich viele Türken inzwischen, um das Geld zusammenzuhalten. Die Istanbuler Bäcker denken über eine kräftige Erhöhung der Brotpreise nach, Gas- und Strompreise steigen ständig. Die Mieten sind innerhalb eines Jahres um mehr als 20 Prozent gestiegen, die Preise für Nahrungsmittel um fast 30 Prozent … Größere Anschaffungen kommen deshalb für viele nicht mehr infrage. Früher hätten sich Leute aus der unteren Mittelschicht einen gebrauchten Laptop gekauft, weil sie sich keinen neuen leisten könnten, erinnert sich ein Computerhändler. Heute seien selbst gebrauchte unerschwinglich. Das hat auch Folgen für ihn selbst: Für den Ertrag, den er früher mit einer Stunde Arbeit erzielt habe, müsse er heute fünf Stunden arbeiten. Wer noch Geld übrig hat, legt seine Lira in Gold an oder tauscht sie in Dollar, um seine Ersparnisse in Sicherheit zu bringen. Die Goldpreise sind deshalb auf einem Allzeit-Hoch. Die Verbraucher haben zudem rund 240 Milliarden Dollar in Fremdwährung unter den Kopfkissen, so viel wie noch nie. Der Dollar ist zur eigentlichen Währung in der Türkei geworden, an der sich alle orientieren.«

»Erdogan gibt trotzdem weiter Vollgas. Die nächste Zinssenkung wird schon im Dezember erwartet. Der Präsident will mit möglichst niedrigen Zinsen die Konjunktur ankurbeln, um rechtzeitig vor den nächsten Wahlen in anderthalb Jahren die Arbeitslosigkeit bekämpfen zu können. Warnungen von Experten, dass er mit der hohen Inflation und dem Währungsverfall die Menschen in die Armut treibt, schlägt er in den Wind. Hinter den Problemen will er vielmehr ein internationales Komplott gegen die Türkei erkannt haben. Deshalb rief er jetzt einen „wirtschaftlichen Unabhängigkeitskrieg“ aus, den er „mit Gottes Hilfe und Unterstützung der Nation“ gewinnen will.«

Und trotz der einzelnen Proteste im Land, über die von anderen berichtet wird:

»Auch wenn sich solche Töne absurd anhören: Viele Türken glauben dem Präsidenten und halten trotz aller Beschwerden über die schwache Lira und die steigenden Preise zu ihm und seinem Kurs.« In dem Artikel werden einzelne Stimmen zitiert: »„Das Ausland hat es nicht gern, wenn die Türkei stark wird“, sagt ein Schreiner. Der Computerhändler ist überzeugt, dass die Lira-Krise sofort beendet wäre, wenn die Türkei das Ausland nicht mehr mit ihrem Engagement in Zypern, Syrien, Libyen und im Kaukasus ärgern und auf die Erdgas-Suche im Mittelmeer verzichten würde. „Die wollen nicht, dass wir die volle Unabhängigkeit gewinnen.“« Hinzu kommt, dass viele Wähler keine Alternative zu Erdogan sehen. Nach einer Umfrage des angesehenen Instituts MetroPoll trauen zwei von drei Wählern der Opposition nicht zu, die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen.

Und was haben die europäischen Banken damit zu tun?

Offensichtlich ist das, was sich in der Türkei abspielt, nicht nur ein Problem der Türken: »Die türkische Lira fällt von einem Rekordtief zum nächsten – was zunehmend für Unruhe auch in der Euro-Zone sorgt. Könnte die Währungskrise zur Gefahr für Europas Banken werden?«, so die bange Frage von Notger Blechner unter der Überschrift Experten warnen vor Risiken der Lira-Krise: »Mehrere Ökonomen und Anlagestrategen zeigen sich zunehmend beunruhigt über die Währungskrise in der Türkei. Denn viele türkische Unternehmen haben Kredite in Dollar oder Euro aufgenommen. Je tiefer die Lira fällt, desto größer werden die Schulden, die die türkischen Firmen bedienen müssen. Droht vom Bosporus ein größeres Finanzmarkt-Beben auszugehen?«

Das muss man sich aus volkswirtschaftlicher Sicht etwas genauer anschauen:

»Laut Christian Kreiß, Professor an der Hochschule Aalen für Finanzierung und Volkswirtschaftslehre, hat die Türkei derzeit Fremdwährungs-Schulden in Höhe von 576 Milliarden Dollar. Fast die Hälfte davon entfällt auf türkische Unternehmen. Ihre Fremdwährungs-Verbindlichkeiten liegen bei 240 Milliarden Dollar – was fast 34 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht.«

Der entscheidende Punkt sind die Schulden in Fremdwährungen wie dem Dollar (oder Euro): »Die türkische Lira ist seit Jahresbeginn um mehr als 40 Prozent abgesackt. Ein Dollar kostet inzwischen rund 13 Lira – so viel wie nie. Mitte September lag der Kurs noch bei 8,50 Euro. Das heißt: Für die türkischen Unternehmen ist es zuletzt deutlich teurer geworden, ihre Schulden zu bedienen.« Denn die türkische Währungsschwäche lässt die Fremdwährungs-Verbindlichkeiten in Lira in die Höhe klettern

Und jetzt kann es ungemütlich für die Banken werden: »Manche Firmen könnten in Liquiditätsprobleme geraten und womöglich in die Pleite rutschen. Die Folge wären Kreditausfälle. Das würde dann die Banken treffen.«

Ansteckungsgefahr für Europas Banken?

»Experten befürchten, dass die Währungskrise am Bosporus die Bankenwelt in Europa anstecken könnte. Tatsächlich sind große europäische Geldinstitute in der Türkei stark vertreten. Laut Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hatten Banken 2018 weltweit 224 Milliarden Dollar der Türkei geliehen.
Besonders spanische Geldhäuser sind stark involviert. Sie hatten laut früheren Zahlen der BIZ über 80 Milliarden Dollar Türkei-Kredite in ihren Büchern. Auch französische Banken haben Milliarden im Feuer. Bei ihnen stehen gut 35 Milliarden Dollar auf dem Spiel. Deutsche Geldinstitute sind mit knapp 13 Milliarden Dollar weniger stark vom Türkei-Geschäft abhängig.«

»Würden Fremdwährungs-Kredite ausfallen, hätten Europas Banken ein Problem. Frank Fischer, Vorstandschef und Fondsmanager von Shareholder Value Management, befürchtet sogar, dass die Türkei-Krise dann zu einer neuen europäischen Bankenkrise führen könnte. Im sogenannten High-Yield-Bereich1 gebe es bei türkischen Anleihen schon erste Anzeichen für eine Krise. Die Kosten für Kreditausfall-Versicherungen sind zuletzt massiv gestiegen. Es sei gut möglich, dass türkische Finanzprobleme eine Erschütterung an den Bond-Märkten2 nach sich ziehen und möglicherweise eine Kettenreaktion auslösen, befürchtet auch Experte Kreiß. Er sieht gar Parallelen zur Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008, die zur weltweiten Finanzkrise führte.
Lehman hatte kurz vor seinem Zusammenbruch Schulden von 613 Milliarden Dollar. „Dieser Betrag hat ausgereicht, um eine Weltfinanzkrise auszulösen.“ Die Fremdwährungs-Schulden der Türkei hätten eine ähnliche Größenordnung, so Kreiß. „Die Zeichen stehen auf Sturm, möglicherweise einen perfekten Sturm.“ Andere Ökonomen halten die Lage für nicht so dramatisch.«

1 High-Yield-Bereich: Hochzinsanleihen. High-Yield Bonds werden von Schuldnern mit einer niedrigeren Schuldnerqualität emittiert. Als High-Yield gelten Anleihen, die mit einer Rating-Klasse ausserhalb des sichereren Rating-Bereichs benotet wurden – also ausserhalb des Investment-Grade Bereichs. Typischerweise erhalten Hochzinsanleihen Ratings im Bereich von BBB− oder Baa3 durch etablierte Rating Agenturen wie Moodys oder Bloomberg. Im Investment-Grade Bereich befinden sich alle Anleihen mit einer guten bis sehr guten Bonitätsstufe, also Ratings bis BBB. Bei High-Yield Bonds werden höhere Zinsen an die Geldgeber bezahlt, um die tiefere Schuldnerqualität und eine potentiell tiefere Liquidität im Markt für diese Anleihen zu kompensieren. Sie spielen im Portfolio von risikofähigen Investoren eine wichtige Rolle.
2 Bond-Märkte: Bond steht für Anleihen, die in der Regel zur langfristigen Fremdfinanzierung verwendet werden. Weitere Bezeichnungen sind Anleihensobligation und Obligation. Diese Anleihen werden auf Märkten gehandelt. Der Bondmarkt, englisch: Bond market (auch Rentenmarkt, Obligationenmarkt oder Anleihenmarkt) ist ein Marktsegment des Kapitalmarktes, auf dem Anleihen und Teilschuldverschreibungen, die so genannten Rentenpapiere, gehandelt werden. Komplementärbegriff ist der Aktienmarkt (➞ Die Finanzmärkte werden in Geld- und Kapitalmarkt eingeteilt. Der Kapitalmarkt wiederum setzt sich aus den Marktsegmenten Aktien- und Rentenmarkt – bzw. Bondmarkt – zusammen).