Können wir oder können wir (noch) nicht? Es geht in diesen Zeiten natürlich um Erdgas. Aus Russland

Derzeit wird eine intensive Diskussion geführt, ob wir als eine weitere Reaktion auf den russischen Überfall auf die Ukraine neben den bereits verhängten Sanktionen einen weiteren Schritt machen und einen Importstopp für russisches Erdgas verhängen sollen.

Allerdings gibt es auch eine gegenteilige Frage: Was passiert, wenn wir nichts machen, aber Russland selbst die Belieferung mit Erdgas einstellt? Vielleicht sogar von heute auf morgen? Offensichtlich sind gerade wir in Deutschland stark abhängig von russischen Erdgaslieferungen und deren plötzlicher Wegfall lässt sich scheinbar nicht einfach so ersetzen, kompensieren.

Das führt zu einer ersten Fragestellung, die es zu bearbeiten gilt:

Aufgabe 1: Bitte recherchieren Sie, wie es um die Abhängigkeitsverhältnisse der EU-Staaten und darunter besonders Deutschlands mit Blick auf russische Erdgaslieferungen bestellt ist. Zeigen Sie in einem zweiten Schritt am Beispiel von Deutschland, wo genau wer auf Erdgas angewiesen ist.

Dass es eine ganze Reihe an politischen Gründen gibt, den Gashahn zuzudrehen und Russland empfindlich für seine kriegerische Aggression gegen die Ukraine zu bestrafen. Aber Sie haben alle die Bilder vor Augen, wie der deutsche Wirtschaftsminister Habeck (Grüne) auf Gaseinsammeltour in den Golf-Staaten unterwegs war. Offensichtlich sucht man händeringend Alternativen für eventuell oder wahrscheinlich ausfallende Gaslieferungen aus Russland. In diesem Zusammenhang wird immer wieder gewarnt, dass ein sofortige Lieferstopp zu schwersten volkswirtschaftlichen Verwerfungen in Deutschland führen würde und erhebliche gesellschaftliche Folgekosten mit sich bringen würde.

Vor diesem Hintergrund scheint es sehr interessant und relevant zu sein, dass auch aus den Reihen der Wissenschaft Stimmen kommen, die darauf hinweisen, dass dieser Schritt, also die sofortige Beendigung der russischen Gaslieferungen, zwar schmerzhaft, aber verkraftbar und machbar sei. Vor allem diese beiden Veröffentlichungen sind hierzu einschlägig. Sie wurden beide bereits Anfang März 2022 publiziert:

➔ Leopoldina. Nationale Akademie der Wissenschaften (Hrsg.) (2022): Wie sich russisches Erdgas in der deutschen und europäischen Energieversorgung ersetzen lässt. Ad-hoc-Stellungnahme,  8. März 2022, Halle, 2022
»Der Krieg gegen die Ukraine hat zu einer intensiven Debatte über angemessene Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union (EU) gegenüber Russland geführt. Dabei steht auch die Maßnahme zur Diskussion, keine russischen Erdgaslieferungen in die EU mehr zuzulassen. Zugleich könnte Russland jederzeit selbst die Entscheidung treffen, seine Erdgaslieferungen in die EU einzustellen – etwa bei einer Ausweitung der SWIFT-Sanktionen. In beiden Fällen wäre Deutschland stark betroffen. Diese Ad-hoc-Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina diskutiert, auf welche Weise und wie schnell russisches Erdgas in der EU und speziell in Deutschland kurz- sowie mittelfristig durch den Einsatz anderer, insbesondere erneuerbarer Energieträger ersetzt werden könnte. Dabei erweist es sich als sinnvoll, die kurz-, mittel- und langfristigen Aspekte der Substitution des russischen Erdgases getrennt zu diskutieren, immer vor dem Hintergrund geostrategischer Überlegungen zur mittelfristigen Transformation der Energieversorgung und mit dem langfristigen Ziel eines resilienten und klimaneutralen europäischen Energiesystems. Die Stellungnahme kommt zu dem Schluss, dass auch ein kurzfristiger Lieferstopp von russischem Gas für die deutsche Volkswirtschaft handhabbar wäre. Engpässe könnten sich im kommenden Winter ergeben, es bestünde jedoch die Möglichkeit, durch die unmittelbare Umsetzung eines Maßnahmenpakets die negativen Auswirkungen zu begrenzen und soziale Auswirkungen abzufedern.«

➔ Rüdiger Bachmann et al. (2022): What if? The economic effects for Germany of a stop of energy imports from Russia. ECONtribute Policy Brief No. 028, Bonn/Cologne, March 2022
»The researchers analyzed the potential economic impact of a cut-off from Russian energy imports. The result: The consequences would be substantial, but manageable. Germany would not run out of energy. However, oil, hard coal and gas would have to be imported from other countries and industry would have to be restructured in the long term. According to the study, gross domestic product (GDP) would decline by something between 0.5 and 3 percent in the short term, which is equivalent to costs between 100 and 1,000 euros per year and inhabitant. For comparison: GDP fell by 4.5 percent in 2020 due to the Corona pandemic.«
➔ Moderate GDP Decline Expected if Russian Energy Imports Stopped (08.03.2022)

Und hier kommt die zweite Aufgabenstellung für Sie:

Aufgabe 2: Bitte lesen Sie sich die Stellungnahme der Leopoldina und die Ausarbeitung von Bachmann et al. durch und versuchen Sie, aus beiden Texten die Hauptargumentationslinie herauszuarbeiten, mit der man der Politik empfehlen könnte, sofort einen Lieferstopp gegen russisches Erdgas zu verhängen.