Die erste Runde der Diskussion über das Pro und Contra eines Stopps der Erdgasimporte aus Russland

Ich hatte Ihnen in der ersten Veranstaltung zwei Arbeitsaufträge mit auf den Weg gegeben. Zum einen die Aufgabe, sich mit den Abhängigkeitsverhältnissen der EU-Staaten und insbesondere Deutschlands hinsichtlich des Erdgases und dabei vor allem der Bedeutung der Erdgasimporte aus Russland zu beschäftigen. Darüber haben Sie in der letzten Veranstaltung berichtet.

Zum anderen hatte ich Ihnen neben einer bereits Anfang März 2022 veröffentlichten Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina – Wie sich russisches Erdgas in der deutschen und europäischen Energieversorgung ersetzen lässt – die Studie einer Gruppe von Volkswirten zur Verfügung gestellt (Rüdiger Bachmann et al. 2022: What if? The economic effects for Germany of a stop of energy imports from Russia), nach der ein sofortiger Importstopp des russischen Erdgases nur zu relativ überschaubaren Einbrüchen des BIP führen soll, so dass man aus ökonomischer Sicht durchaus die Forderung nach einem sofortigen Stopp der Erdgaslieferungen aus dem kriegführenden Russland vertreten könne.

Die Studie habe ich Ihnen im Original zur Verfügung gestellt, sie ist in englischer Sprache veröffentlicht worden. Diese Tage ist nun eine deutschsprachige (und kürzere Fassung) vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung in einer Sonderausgabe der Zeitschrift ifo Schnelldienst veröffentlicht worden, die dem einen oder anderen sicher besser zugänglich ist:

➔ Rüdiger Bachmann et al. (2022): Was wäre, wenn…? Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Importstopps russischer Energie auf Deutschland, in: ifo Schnelldienst, Sonderausgabe, April 2022, S. 6-14
»In diesem Artikel werden die wirtschaftlichen Auswirkungen eines möglichen Stopps russischer Energieimporte auf die deutsche Wirtschaft diskutiert. Wir zeigen, dass die Auswirkungen wahrscheinlich substanziell, aber handhabbar sein werden. Kurzfristig würde ein Stopp der russischen Energieimporte zu einem BIP-Rückgang zwischen 0,5% und 3% führen Zum Vergleich: Der BIP-Rückgang im Jahr 2020 aufgrund der Pandemie betrug 4,5%.«

Diese Studie ist auf eine große und auch kritische Resonanz gestoßen.

So ist der Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) höchstpersönlich auf die Wissenschaftler „losgegangen“. Ich zitiere als ein Beispiel aus der Medienberichterstattung aus dem Artikel Der deutsche Streit ums Gasembargo von Marlies Uken und Zacharias Zacharakis, der am 28. März 2022 veröffentlicht wurde:

»Ungewöhnlich harsche Worte wählt Bundeskanzler Olaf Scholz, als er am Sonntagabend danach gefragt wird, welche Folgen ein Importstopp russischen Erdgases für die deutsche Wirtschaft habe. Die ARD-Moderatorin Anne Will hatte insistiert, dass es durchaus Berechnungen von seriösen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen gebe, die einen eher geringen Rückgang der Wirtschaftsleistung sähen. „Die sehen das aber falsch“, entgegnet Scholz scharf. Es sei „unverantwortlich“, für dieses Szenario „irgendwelche mathematischen Modelle zusammenzurechnen“.« Die beteiligten Ökonomen reagierten mehr als verschnupft auf die Äußerungen des Bundeskanzlers: »Der Bonner Wirtschaftswissenschaftler Moritz Schularick, der maßgeblich an der Studie beteiligt war, zeigte sich irritiert von der schroffen Reaktion des Bundeskanzlers. „Die Wortwahl von Kanzler Scholz ist unglücklich und erinnert an die Wissenschaftsfeindlichkeit, die wir unter Corona gesehen haben“ … Dass ein Bundeskanzler zur besten Sendezeit solche Worte benutze, halte er für „ein problematisches Signal für wissenschaftliche Politikberatung“.«

»Im Interview mit Anne Will erläuterte Olaf Scholz, dass aus seiner Sicht die Konsequenzen eines Importstopps nicht so einfach abzuschätzen seien. „Es ist etwas anderes, auszurechnen, wie viel Gas oder Kohle man benötigt, oder ob man auch bedenkt, wo das Gas durchgeleitet werden soll“, sagte der Bundeskanzler. Die ökonomischen Modelle vernachlässigten die Fragen des praktischen Umgangs mit einem plötzlichen Importstopp.« Das wird auch von anderen Kritikern bemängelt.

➔ »Unterstützung bekommt Scholz unter anderem von Achim Truger, … Mitglied des Sachverständigenrats und Professor an der Universität Duisburg-Essen. „Die Unsicherheit bei der Prognose der Auswirkungen eines Importstopps ist außerordentlich hoch“, sagt Truger, „weil es dafür eigentlich keine Erfahrungswerte und keine bewährten Modelle gibt.“ Auf Basis der existierenden Modellrechnungen und der bisherigen Diskussion könnte der Rückgang der Wirtschaftsleistung auch „deutlich größer“ ausfallen als der Wert von minus drei Prozent, der bisher als Obergrenze genannt werde. „Dies würde die deutsche Wirtschaft in ihrem industriellen Kern treffen, noch bevor sie sich richtig von der Corona-Krise erholt hat“, sagt der Ökonom. „Es wäre dann eine Mammutaufgabe, Jobverluste, Firmenpleiten und negative Verteilungswirkungen effektiv abzufedern.“«

Aber nicht nur aus den Reihen der Politik wurde und wird die Studie kritisiert – es gibt auch eine explizit volkswirtschaftlich argumentierende Ablehnung. In der letzten Veranstaltung hatte ich Ihnen als Beispiel für eine sehr kritische Auseinandersetzung mit der Studie von Bachmann et al. (2022) die Ausführungen Wie man die Auswirkungen eines Gasembargos nicht berechnen sollte des Mannheimer Volkswirts Tom Krebs, die im Makronom, einem Online-Magazin für Wirtschaftspolitik, veröffentlicht worden sind, vorgestellt. Die Folien mit der fast vollständigen Argumentation von Tom Krebs liegen Ihnen vor – der Artikel selbst ist mittlerweile hinter einer Bezahlschranke. Seine Einwände gegen die erst einmal sehr moderat daherkommenden Einbußen bei der deutschen volkswirtschaftlichen Wertschöpfung sind vor allem methodischer Natur. Krebs kritisiert, dass der untersuchte Wirkungszusammenhang durch die Modellberechnungen nicht angemessen abgebildet wird. Denn an entscheidender Stelle fehlt den Modellberechnungen das empirische Fundament. Dies führt dazu, dass die Studie die wirtschaftlichen Folgen eines Stopps russischer Gasimporte unterschätzt.

Er weist darauf hin, dass das effektive Erdgasangebot für Deutschland kurzfristig unelastisch ist und um circa ein Drittel zurückgehen würde. Außerdem müsse man bedenken, dass es in Deutschland mit der Grundstoffchemie und der Metallindustrie wichtige Erdgasverbraucher gibt, die das Rückgrat der industriellen Produktion in Deutschland bilden. Insofern müssen die negativen Folgewirkungen berücksichtigt werden, was mit dem Modell von Bachmann et al. angeblich nicht geleistet werden kann. Sein methodischer Hauptkritikpunkt: Die Studie von Bachmann et al. arbeitet mit einem Modell, dass gleichsam „blind“ ist für Differenzierungen in der Wirtschaftsstruktur, so unterscheidet die Analyse nicht zwischen den Möglichkeiten der Grundstoffchemie, Erdgas durch alternative Energieträger zu ersetzen, und den Möglichkeiten der Energiewirtschaft oder der privaten Haushalte, Erdgas einzusparen. In der Modellwelt von Bachmann et al. (2022) gibt es keine deutsche Chemieindustrie. Damit haben die Studienautoren das wesentliche Problem eines Stopps russischer Gasimporte per Annahme wegdefiniert, so der Vorwurf von Krebs. Für eine Analyse der – möglichen – Auswirkungen auf die deutsche Volkswirtschaft sei das aber fatal: Wenn in Grundstoffchemie, Metallindustrie und Glas & Keramik die Lichter ausgehen, dann werden andere Wirtschaftszweige entlang der Wertschöpfungskette bis hin zum Verkauf leiden.

Mittlerweile hat sich eine richtige „battle“ zwischen den unterschiedlichen Ökonomen-Lagern herausgebildet: »Welche Folgen hätte ein Energie-Embargo? In der deutschen Wirtschaftswissenschaft tobt ein heftiger Streit – Beleidigungen inklusive«, so der SPIEGEL unter der mehr als bezeichnenden Überschrift »Ich bin erschüttert über die Umgangsformen« (leider hinter der Bezahlschranke).

Und der Streit zwischen den beiden Lagern innerhalb der Volkswirtschaftslehre über die (Un)Möglichkeit eines Importstopps russischen Erdgases geht weiter. Und dazu werden Sie dann eine neue Materiallieferung bekommen.