Die nächste Runde der kontroversen (nicht nur) volkswirtschaftlichen Diskussion über einen sofortigen Stopp der Erdgasimporte aus Russland

Und weiter geht es mit der überaus kontroversen Debatte über die Streitfrage, ob Deutschland einen sofortigen Stopp der Erdgasimporte aus Russland verhängen sollte (bzw. immer das Szenario mitdenken, dass ja auch Russland die Gaslieferungen einstellen könnte). An diesem Streit kann man eine Menge lernen über unterschiedliche Wirkungsannahmen innerhalb der volkswirtschaftlichen Diskussion, also die Frage, wie sich eine bestimmte Maßnahme bzw. ein bestimmtes Ereignis auf zentrale volkswirtschaftliche Aggregate wie Wirtschaftswachstum, Inflation oder Beschäftigung auswirken (könnte). Ganz offensichtlich kann man diese (potenziellen) Wirkungen durchaus sehr unterschiedlich einordnen und beziffern.

Und die Antworten auf die Frage nach den wahrscheinlichen Auswirkungen auf die deutsche Volkswirtschaft sind nicht nur eine rein akademische Sandkastenspielerei, sondern sie fließen ein (oder werden zurückgewiesen) in die aktuelle politische Entscheidungsfindung über den Wirkungskanal der Politikberatung, es geht hier also auch um die so bedeutsame praktische Wirtschaftspolitik, die mit den Erkenntnissen der Ökonomen fundiert und legitimiert werden (könnte). Vor diesem Hintergrund macht es in einer Veranstaltung für Master-Studierende Sinn, wenn wir das Fallbeispiel weiter und noch genauer hinsichtlich der vorgetragenen Argumente betrachten aus einer explizit volkswirtschaftlichen Sicht hinsichtlich der möglichen Auswirkungen.

Exkurs: In dieser Krise kann es nicht nur um volkswirtschaftliche Aspekte im engeren Sinne gehen. Ich hatte das in den einführenden Anmerkungen bereits angedeutet: Die Frage nach den möglichen volkswirtschaftlichen Auswirkungen eines Importstopps für Energielieferungen aus Russland (zur Erinnerung: wir importieren ja nicht nur das immer im Mittelpunkt stehende Erdgas aus Russland, sondern auch Kohle und in einem noch nicht unerheblichen Umfang auch Erdöl) ist an sich schon umstritten zwischen den Volkswirten, damit werden wir uns ja auch weiterführend beschäftigen. Aber für die Verantwortlichen in der Politik stellt sich neben der Notwendigkeit, volkswirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen, auch die Aufgabe, weitere politische Aspekte (z.B. Außen- und Sicherheitspolitik, EU-Politik usw.) bei den Entscheidungen zu gewichten. Wenn man in der politischen Verantwortung steht, kann man eben nicht nur in einer Dimension denken (bzw. man sollte das nicht). Und überall existieren Ziel- und Interessenkonflikte. Die eben dazu führen müssen, dass es in der Regel keine für uns alle klar nachvollziehbaren „wenn, dann …“-Entscheidungen geben kann, sondern meistens „suboptimale“ Kompromisse herauskommen, die bei fast allen das Gefühl hinterlassen, dass das „nicht rund“ ist, dass man nicht wirklich „zufrieden“ sein kann. Das liegt wie angesprochen aber in der Natur der Sache.

Und es erklärt auch, dass man oftmals die Erfahrung macht, dass es für in Wirklichkeit höchst komplizierte Fragen, die einfach gestellt werden, beeindruckende Mehrheiten für bestimmte Antworten gibt (so unterstützt in Umfragen eine Mehrheit der Bundesbürger den sofortigen Stopp der Gasimporte aus Russland, weil das die kriegführenden Russen hart treffen würde – allerdings könnte sich das Umfrageergebnis erheblich verändern, wenn den Befragten zugleich mitgeteilt werden würde, welche Auswirkungen in Deutschland zu erwarten wären).

Aber auch aus einer explizit wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive ergeben sich weiterführende Fragen, die einen Teilbereich betreffen, der immer wieder unter dem Oberbegriff Wirtschaftsethik thematisiert wird – und mit ethischen oder moralischen Fragen werden dann Dinge aufgerufen, die nicht nur aus einer rein ökonomischen Perspektive behandelt werden können. Ich habe für die Interessierten unter Ihnen diese neue Veröffentlichung gefunden, in der die zahlreichen Abwägungen und auch Dilemmata angesprochen werden – und das auf wenigen Seiten:

➔ Ingo Pies (2022): Moralische Verpflichtung zum Wirtschaftskrieg?, in: ifo Schnelldienst, Sonderausgabe, April 2022, S. 19-22
»Dieser Artikel reagiert kritisch auf die Forderung einer Gruppe namhafter Wirtschaftsethiker, Unternehmen sollten um ihrer gesellschaftlichen Verantwortung willen sämtliche Geschäftsbeziehungen mit Russland sofort und beinahe ausnahmslos unterbinden. Gegen diese Forderung werden drei Einwände geltend gemacht. Erstens ist unklar, ob eine solche Eskalation von Boykott und Embargo Leid und Tod in der Ukraine (und auch anderswo) vermindert oder vermehrt. Zweitens werden Unternehmen mit dieser Forderung überfordert, weil von ihnen nicht erwartet werden kann, dass sie unter Wettbewerbsbedingungen in der Lage sind, eine solch umfassende Kartell-Lösung zu organisieren. Drittens sollte Wirtschaftsethik darauf achten, mit eigenen Beiträgen die Spirale von Emotionalisierung, Moralisierung und Dichotomisierung realer Konfliktlagen nicht weiter voranzutreiben.«

Zurück zum Gas: Sollen und können wir oder sollten wir es lieber (vorerst) lassen

Wie bereits im letzten Beitrag in diesem Blog beschrieben, hat sich die Frage, ob wir sofort die Erdgaslieferungen aus Russland stoppen sollten (oder ob das eine unmögliche Entscheidung wäre), innerhalb der Zunft der Volkswirte zu einem heftigen Streit zweier Lager dichotomisiert.

In einem ersten Schritt möchte ich Sie bitten, das folgende Streitgespräch zwischen zwei Volkswirten zu lesen, das gestern in der „Welt am Sonntag“ publiziert wurde:

Gasembargo: „Das bedeutet zweieinhalb Jahre Stillstand”: »Kann Deutschland auf russisches Gas verzichten? Führende Ökonomen streiten heftig über die Folgen eines Embargos. Ein Streitgespräch zwischen IW-Direktor Michael Hüther und Jan Schnellenbach.«

Aufgabe 1: Bitte versuchen Sie, die beiden abweichenden Argumentationslinien der beiden Ökonomen nachzuvollziehen und geben Sie dann in einem zweiten Schritt eine persönliche Einschätzung, welche der beiden Positionen Sie aus welchen Gründen für überzeugender halten.

Und für den zweiten Aufgabenbereich habe ich Ihnen eine etwas umfangreichere Materialsammlung zusammengestellt, die Sie vor dem Hintergrund der noch zu konkretisierenden Aufgabenstellung selektiv lesen sollen.

Es gibt Ökonomen, die unterstützen die Forderung nach einem sofortigen Importstopp russischen Erdgases – und andere Ökonomen warnen vor teilweise dramatischen Auswirkungen eines solchen Schrittes. Beide Positionen werden unterlegt mit Hinweisen, was das für die sicher wichtigste Kennzahl der modernen Volkswirtschaftslehre bedeuten (könnte), also für die im Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessene volkswirtschaftliche Wertschöpfung. Und genau diese Vorhersagen der Auswirkungen sollen im Mittelpunkt des nächsten Arbeitsschrittes stehen.

➔ Wenn Sie im folgenden Veröffentlichungen bekommen, dann lesen Sie die bitte selektiv hinsichtlich der Leitfrage: Welche konkreten Auswirkungen gemessen am prognostizierten BIP für 2022 und 2023 werden in den Veröffentlichungen gemacht unter besonderer Berücksichtigung der Folgen eines Importstopps?

Ich möchte Sie bitten, mit Blick auf diejenigen, die vor den negativen Folgen eines Gasimportstopps warnen, die folgende Veröffentlichung aus dem (gewerkschaftsnahen) Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zu lesen:

➔ Jan Behringer et al. (2022): Ukraine-Krieg erschwert Erholung nach Pandemie. Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung 2022/2023. IMK Report Nr. 174, Düsseldorf: Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), März 2022

Was sagt eigentlich der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der umgangssprachlich als die „fünf Wirtschaftsweisen“ bezeichnet wird?

Lesen Sie dazu als Kurzfassung diesen Gastbeitrag der aktuellen Ratsmitglieder in der ZEIT:

➔ Veronika Grimm, Monika Schnitzer, Achim Truger und Volker Wieland (2022): Ein russischer Energielieferstopp könnte in die Rezession führen, 30.03.2022: »Die Wirtschaftsweisen korrigieren ihre Konjunkturprognose nach unten. Sie fordern die Bundesregierung auf, mehr gegen Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas zu tun.«

Die ausführliche Fassung der korrigierten Prognose für 2022/23 finden Sie hier:

➔ Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2022): Aktualisierte Konjunkturprognose 2022 und 2023, Wiesbaden, 30.03.2022

Und dann kommen noch drei Veröffentlichungen aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) – von „alt“ nach „neu“ sortiert:

➔ Christian Bayer, Alexander Kriwoluzky und Fabian Seyrich (2022): Stopp russischer Energieeinfuhren würde deutsche Wirtschaft spürbar treffen, Fiskalpolitik wäre in der Verantwortung. DIW aktuell Nr. 80, Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), März 2022
»Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine haben viele westliche Länder Sanktionen gegen Russland verhängt, insbesondere gegen die Finanzwirtschaft. Doch zu einer Sanktion konnten sich die EU und auch Deutschland bisher nicht durchringen: ein Embargo auf den Import russischer Energieträger. Dieses vielfach kritisierte Zögern begründet die Bundesregierung mit den wirtschaftlichen Auswirkungen, die ein Importstopp für die deutsche Wirtschaft haben könnte. Denkbar ist aber auch, dass Russland seine Lieferungen aussetzt. Die vorliegende Modellrechnung zeigt, durch welche Wirkungskanäle – mit einem Fokus auf der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und vor allem dem privaten Konsum – ein Embargo oder Lieferstopp Deutschland treffen könnte. In dem Basisszenario erstrecken sich die BIP-Verluste über rund zehn Jahre und erreichen ihren Höhepunkt nach 18 Monaten mit einem Minus von drei Prozent. Gleichzeitig würde ein Importstopp zu einem Anstieg der Inflation um bis zu 2,3 Prozentpunkte führen. Das hier verwendete Modell wird dabei so aufgesetzt, dass es die Schwachpunkte einer kürzlich erschienenen Studie adressiert, indem es sowohl den privaten Konsum als auch die Wechselwirkungen im Euroraum miteinbezieht. Beide Studien zusammen ergeben ein immer besseres Bild der Wirkungsmechanismen eines Energieembargos auf die deutsche Wirtschaft. Das Modell macht eine Reihe von Annahmen, die in den meisten Fällen realistisch und angemessen sind. Jedoch muss betont werden, dass es noch nie ein solches Embargo in einer solchen Situation gegeben hat, so dass jegliche Annahmen mit Unsicherheit verbunden sind. Die Resultate auf Basis des Modells deuten die Größenordnung der Effekte eines Embargos an und sollen dazu dienen, der Politik eine Orientierung bei einem möglichen Lieferstopp zu geben.«

➔ Franziska Holz, Claudia Kemfert, Hella Engerer und Robin Sogalla (2022): Europa kann die Abhängigkeit von Russlands Gaslieferungen durch Diversifikation und Energiesparen senken. DIW aktuell Nr. 81, Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), März 2022
»Die Erdgasversorgung der Europäischen Union stützte sich bisher zu einem großen Teil auf Lieferungen aus Russland. In Deutschland, Italien, Österreich und den meisten Ländern Ost- und Mitteleuropas war diese Abhängigkeit besonders hoch. Allerdings spielt Erdgas nicht in allen diesen Volkswirtschaften eine gleich große Rolle. Mit dem völkerrechtswidrigen Krieg Russlands in der Ukraine stellen sich die dringlichen Fragen, wie diese Abhängigkeit reduziert werden kann und was im Fall einer Lieferunterbrechung von russischen Erdgasexporten passieren würde. Dieser Bericht skizziert die Ausgangslage und diskutiert kurzfristige Anpassungsreaktionen. Modellrechnungen zeigen, dass die Europäische Union bei einem Komplettausfall russischer Erdgaslieferungen einen Großteil kompensieren kann. Kurzfristig stehen die effiziente Bewirtschaftung bestehender Infrastruktur, die Diversifizierung der Bezugsverträge sowie Maßnahmen zur Nachfrageanpassung im Mittelpunkt. Mittelfristig sollte der Ausbau erneuerbarer Energien im Kontext des EU Green Deal beschleunigt werden, inklusive eines zeitnahen Ausstiegs aus der Nutzung fossilen Erdgases, der die europäische Energiesicherheit weiter stärken würde.«

Und ganz neu aus dem DIW:

➔ Franziska Holz, Robin Sogalla, Christian von Hirschhausen und Claudia Kemfert (2022): Energieversorgung in Deutschland auch ohne Erdgas aus Russland gesichert. DIW aktuell Nr. 83, Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), April 2022
»Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die Abhängigkeit Deutschlands von Energielieferungen aus Russland erfordern ein Umdenken: Während die Debatte über ein sofortiges Energie-Embargo hochkocht, könnte auch Russland jederzeit seine Lieferungen einstellen. Deutschland bezog bisher rund 55 Prozent seines Erdgases aus Russland. Das DIW Berlin hat Szenarien entwickelt, wie das deutsche Energiesystem im europäischen Kontext schnellstmöglich von diesen Importen unabhängig werden könnte: Auf der Angebotsseite können Lieferungen anderer Erdgasexportländer einen Teil der russischen Exporte kompensieren. Die Versorgungssicherheit würde es erheblich stärken, wenn die Pipeline- und Speicherinfrastruktur effizienter genutzt wird. Auf der Nachfrageseite gibt es ein kurzfristiges Einsparpotenzial von 19 bis 26 Prozent der bisherigen Erdgasnachfrage. Mittelfristig ist insbesondere ein Schub in Richtung erneuerbarer Wärmeversorgung und höherer Energieeffizienz notwendig. Wenn Einsparpotenziale maximal genutzt und gleichzeitig die Lieferungen aus anderen Erdgaslieferländern so weit wie technisch möglich ausgeweitet werden, ist die deutsche Versorgung mit Erdgas auch ohne russische Importe im laufenden Jahr und im kommenden Winter 2022/23 gesichert.«

Tipp: Achten Sie beim Sichten des Materials immer darauf, ob es Ihnen für die Bearbeitung der Leitfragestellung hilft oder nicht (direkt).