Der Blick in die Glaskugel der vor uns liegenden (möglichen) gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Den hat jetzt auch der Bundeswirtschaftsminister gemacht

Sie wissen, die Einschätzung der aktuellen und die Vorhersage der auf uns zukommenden gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist eine der wichtigsten Zuliefererfunktionen der Volkswirte, nicht nur für die vielen Unternehmen, sondern auch für die Politik.

In diesen Zeiten ist die Unsicherheitsintensität bei Prognosen besonders hoch, bedingt durch die Corona-Pandemie (die noch nicht zu Ende ist) sowie durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

So schreibt das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) unter Leitung von Robert Hobeck (Grüne) unter der Überschrift Die wirtschaftliche Lage in Deutschland im April 2022 – neue Prognosen für die deutsche Konjunktur: »Der russische Angriffskrieg in der Ukraine birgt substanzielle Risiken für die deutsche Konjunktur. Die Auswirkungen lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nur schwer beziffern. Sie hängen stark von der Dauer und der Intensität des Kriegs ab.«

Und weiter: »Seit Beginn der militärischen Invasion hat es extreme Preissteigerungen bei Energie und Rohstoffen gegeben. Auch Handelsströme und Lieferkettenbeziehungen werden beeinträchtigt. Die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung bleibt entsprechend hoch.«

»Die wirtschaftliche Entwicklung im Jahr 2022 steht seit Ende Februar ganz im Zeichen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine. In den meisten Konjunkturindikatoren ist der Effekt des Krieges noch nicht abzulesen, da diese mit einer Verzögerung von ein bis zwei Monaten veröffentlicht werden. Im aktuellen Berichtsmonat Februar ergab sich ein gemischtes Bild: Die Industrieproduktion bewegte sich lediglich seitwärts, die Auftragseingänge gingen spürbar zurück. Dafür konnte sich der Außenhandel nach einem schwachen Start ins erste Quartal wieder erholen. Auch die Einzelhandelsumsätze legten trotz anhaltender Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie leicht zu. Dennoch bleiben viele Fragen offen: Wie machen sich die gegenüber Russland erlassenen Sanktionen im Außenhandel bemerkbar? Welchen Effekt haben die hohen Energiepreise und mögliche neue Lieferengpässe auf die Produktion? Und wie gehen Konsumenten und Investoren mit der gestiegenen Unsicherheit um? Erste Antworten wird es im nächsten Monat geben, in dem erstmals harte Konjunkturindikatoren für den Berichtsmonat März vorgelegt werden.

Aktuell gibt es lediglich umfragebasierte Stimmungsindikatoren. So ist das ifo Geschäftsklima im März deutlich zurückgegangen. Dies war jedoch zuvorderst auf die stark rückläufigen Geschäftserwartungen zurückzuführen. Die aktuelle Lage beurteilten die Unternehmen kaum schlechter als im Vormonat. Demgegenüber zeigte der Einkaufsmanagerindex eine merklich geringere Reaktion auf den russischen Krieg im Monat März.

Ein Grund zur Sorge bleibt jedoch die Inflationsrate: Sie lag im März 2022 bei 7,3 %, maßgeblich getrieben durch eine explosive Zunahme der Energiepreise infolge des Kriegsausbruchs am 24. Februar 2022. Die weitere Preisniveauentwicklung lässt sich kaum verlässlich vorhersagen, weil weder die Dauer noch Ausgang des Krieges zurzeit absehbar sind. Da Deutschland große Teile seines Gasbedarfs aus Russland importiert, besteht hier ein hohes Risiko für die Preisniveauentwicklung für diesen Energieträger. Zwar haben sich die Gaspreise im März wieder rückläufig entwickelt, allerdings ausgehend von einem bereits sehr hohen Niveau im Vorfeld des russischen Angriffskriegs. Aktuell liegen sie immer noch mehr als vier Mal so hoch wie ihr langjähriger Durchschnitt. Deutschland wird im Jahr 2022 deutlich mehr für Energie zahlen müssen als in den Vorjahren.«

Sie wissen, dass die deutsche Volkswirtschaft eine sehr exportabhängige (und wie wir derzeit sehen spiegelbildlich auch eine sehr importabhängige) Volkswirtschaft ist. Dazu teilt uns das Bundeswirtschaftsministerium mit:

»Der Krieg in der Ukraine geht für Deutschland vor allem mit stark steigenden Einfuhrpreisen einher. Im Gesamtjahr 2022 dürften sich die Terms of Trade (Verhältnis von Export- zu Importpreisen; „reales Austauschverhältnis“) daher deutlich verschlechtern, auch der Leistungsbilanzüberschuss dürfte angesichts höherer Kosten für Energieimporte geringer ausfallen. Der Ausblick für den deutschen Außenhandel hat sich in der Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine merklich eingetrübt.«

Das BMWK hat auch einen Blick auf die bereits veröffentlichten Prognosen für das laufende und das kommende Jahr geworfen (die ich Ihnen bereits zur Verfügung gestellt habe):

»Die Gemeinschaftsdiagnose (DIW Berlin, ifo München, IfW Kiel, IWH Halle und RWI Essen) sowie der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung haben vor kurzem ihre Frühjahrsprojektionen vorgelegt.

Die Gemeinschaftsdiagnose erwartet in diesem Jahr einen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts um 2,7 % und im kommenden Jahr um 3,1 %. Mit der nun abflauenden Pandemie wäre es für sich genommen zu einer kräftigen Konjunkturerholung gekommen. Diese Erholung wird nun aber durch den Ausbruch des Kriegs in der Ukraine zunächst gebremst. Das Vorkrisenniveau der Wirtschaftsleistung wird demnach erst im dritten Quartal des laufenden Jahres wieder erreicht. Die Verbraucherpreise legen im Jahr 2022 mit +6,1 % so kräftig zu wie seit vier Jahrzehnten nicht mehr. Im Jahr 2023 bleibt die Inflationsrate mit +2,8 % deutlich über der durchschnittlichen Rate seit der Wiedervereinigung. Ein großes Risiko für die Prognose geht vom weiteren Verlauf des militärischen Konflikts in der Ukraine und den politischen Konsequenzen aus. Aus diesem Grund haben die Wirtschaftsforschungsinstitute für das alternative Szenario eines sofortigen Embargos von Erdöl und Erdgas für die Lieferungen von Russland in die Europäische Union analysiert. In diesem Fall gerät die deutsche Wirtschaft in eine schwere Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt gingen in diesem Jahr nur noch um 1,9 % wachsen und im kommenden Jahr um 2,2 % zurück. Die Inflationsrate würde mit +7,3 % im Jahr 2022 und +6,5 % ihre hohen Werte aus dem Basisszenario nochmals deutlich übersteigen.

Auch der Sachverständigenrat hat seine Wachstumsprognose für das Jahr 2022 deutlich auf +1,8 % nach unten korrigiert, während er im Herbst noch von einem deutlichen Zuwachs von 4,6 % ausgegangen war. Als Gründe nennt er das Pandemiegeschehen, die stark gestiegenen Preise für Rohstoffe und Energie sowie den Ausbruch des Kriegs in der Ukraine. Die Inflationsrate wird nach Einschätzung des Rates im Jahr 2022 bei +6,1 % liegen (Jahresgutachten 2021: 2,6 %) und im nächsten Jahr wieder auf +3,4 % zurückgehen. Neben den stark gestiegenen Energiepreisen verweist der Rat hier auch auf einen gewissen Lohndruck und steigende Nahrungsmittelpreise. Die Notierungen an den Terminmärkten für Öl und Gas (Futures) deuteten jedoch darauf hin, dass sich der Preisdruck bei Energie im Jahresverlauf abschwächen wird.

Die neuen Prognosen der Gemeinschaftsdiagnose und des Sachverständigenrates sind erste Einschätzungen, die die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in aktuellen Prognosen verarbeiten. Die konjunkturelle Entwicklung ist gegenwärtig von sehr großer Unsicherheit über den weiteren Verlauf des Krieges geprägt.«

Und dann heißt es noch: »Die Bundesregierung wird ihre Frühjahrsprojektion am 27. April 2022 veröffentlichen.«

Das ist nun gestern passiert: Niedrigeres Wachstum – Krieg in Europa belastet wirtschaftliche Erholung, so ist die Pressemitteilung des BMWK überschrieben – darin enthalten nicht nur eine Vorhersage der am BIP-Wachstum gemessenen Wirtschaftsentwicklung, sondern auch eine Einschätzung, wie sich die Inflationsrate in diesem und im nächsten Jahr entwickeln könnte, das ist ja relevant für Ihren Arbeitsauftrag:

»Vizekanzler und Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister Habeck hat heute die Frühjahrsprojektion der Bundesregierung vorgelegt. Er wird diese am frühen Nachmittag in der Bundespressekonferenz vorstellen. Demnach wächst die deutsche Volkswirtschaft im Jahr 2022 nur noch um 2,2 %. Im Jahr 2023 wird ein Wachstum von 2,5 % erwartet.

Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck hierzu: „Die Risiken für die Konjunktur sind deutlich. Nach zwei Jahren Corona-Pandemie kommt durch den Krieg Russlands eine neue Belastung hinzu. Der Krieg gegen die Ukraine und seine wirtschaftlichen Auswirkungen erinnern uns daran, dass wir verwundbar sind. Die Stärke von liberalen Demokratien macht aber aus, dass wir um Ausgleich ringen und so zu Lösungen kommen, die uns gemeinsam voranbringen. Wir zeigen Woche für Woche, dass gerade Demokratien im Angesicht von Krieg und Krisen leistungs- und handlungsfähig sind und sich sehr schnell auf diese neue Lage mit einer Reihe von Maßnahmen eingestellt und gegengehalten haben. Auf diesem Weg werden wir entschlossen weiter gehen und uns Schritt für Schritt aus der Klammer russischer Importe lösen. Zugleich tut die Bundesregierung alles, um die Substanz unserer Wirtschaft auch in schwerer Zeit zu erhalten mit einem zielgerichteten Schutzschild für unsere Unternehmen, welches wir jetzt zügig umsetzen.“

Die Bundesregierung korrigiert ihre Erwartungen aus der Jahresprojektion im Januar deutlich nach unten. Hauptgrund für die Eintrübung der wirtschaftlichen Aussichten ist der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Sowohl die hohen Energiepreise, aber auch die Sanktionen und die gestiegene Unsicherheit belasten die Wachstumsaussichten der deutschen Volkswirtschaft.

Die im Zuge des Kriegs stark gestiegenen Preise von Öl, Kohle und Gas treiben auch die Verbraucherpreise in Deutschland. Die Bundesregierung erwartet für das Jahr 2022 eine Inflationsrate von 6,1 %. Solche Raten wurden bislang nur zu Zeiten der Ölkrise oder kurz nach der Wiedervereinigung beobachtet. Im nächsten Jahr liegt die Inflationsrate gemäß Prognose der Bundesregierung mit 2,8 % wieder deutlich niedriger.«

Die genauen Zahlen aus dem Bundeswirtschaftsministerium bekommen Sie hier tabellarisch aufgearbeitet:

➔ BMWK: Eckwerte der Frühjahrsprojektion 2022, 27.04.2022