Eine Aktualisierung des Blicks auf die europäische und insbesondere die deutsche Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland

Wir haben im bisherigen Verlauf der Veranstaltung intensiv die unterschiedlichen Perspektiven auf die enorme Abhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft (und das meint nicht nur der Unternehmen, sondern auch von Millionen Haushalten sowohl hinsichtlich der Energie für die Wohnungen und Häuser wie auch für deren Arbeitsplätze) miteinander besprochen und Sie haben unterschiedliche Einschätzungen der Ökonomen hinsichtlich eines vom Westen verhängten Importstopps bzw. umgekehrt eines Stopps der Lieferungen seitens Russland (wie bereits gegen Polen und Bulgarien erfolgt) kennengelernt.

Der Streit zwischen denen, die das für bewältigbar halten mit überschaubaren Schäden an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung und denen, die erhebliche negative Auswirkungen annehmen, geht zwischenzeitlich weiter.

Ohne russisches Gas könnte die Wirtschaft um bis zu zwölf Prozent einbrechen, warnt eine neue Untersuchung. Möglich ist demnach »eine Wirtschaftskrise, wie sie Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt hat« – so beginnt ein Artikel in der Online-Ausgabe des SPIEGEL: Studie warnt vor massivem Konjunktureinbruch. »Ein abrupter Stopp der Versorgung mit russischem Erdgas würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt in den ersten zwölf Monaten zwischen drei und acht Prozent einbrechen lassen, rechnet der Mannheimer Ökonomieprofessor Tom Krebs in einer Studie vor, die vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung gefördert wurde.«

Da schauen wir am besten in das Original:

➔ Tom Krebs (2022): Auswirkungen eines Erdgasembargos auf die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland. IMK Study Nr. 79, Düsseldorf: Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Mai 2022

»Die vorliegende Studie untersucht die Auswirkungen eines sofortigen Lieferstopps russischen Erdgases auf die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland. Dieser Lieferstopp kann entweder die Folge eines Importembargos der Europäischen Union oder einer Entscheidung Russlands (Exportembargo) sein. Der Fokus der Analyse liegt auf den angebotsseitigen Effekten, die aufgrund einer Verknappung des Erdgasangebots im industriellen Sektor entstehen und entlang der Wertschöpfungsketten auf die Gesamtwirtschaft ausstrahlen. In einem Basisszenario führt ein sofortiges Gasembargo zu einem kurzfristigen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 3,2 Prozent bis 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Sollte sich die Erdgasverfügbarkeit nach dem Embargo sehr günstig entwickeln (alternatives Szenario), dann wäre mit einem kurzfristigen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion zwischen 1,2 Prozent und 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu rechnen. Neben den angebotsseitigen Effekten sind die nachfrageseitigen Effekte eines Embargos zu berücksichtigen; gemäß aktueller Studien verringern die nachfrageseitigen Effekte eines Energieembargos (Kohle, Erdöl, Erdgas) das Bruttoinlandsprodukt kurzfristig zwischen 2 Prozent und 4 Prozent. Schließlich würde ein sofortiges Erdgasembargo auch dauerhafte wirtschaftliche Schäden verursachen, weil es Produktionspotenziale reduziert und Wachstumskräfte schwächt. Die Berechnungen der wirtschaftlichen Folgen eines Erdgasembargos sind mit großer Unsicherheit verbunden, die über das normale Maß an Unsicherheit ökonomischer Studien hinausgeht.«

Seitens des IMK, dem Auftraggeber der Studie von Tom Krebs, der Ihnen ja bereits in der VWL-Vorlesung begegnet ist mit einer (methoden)kritischen Auseinandersetzung mit der frühzeitig veröffentlichten Studie von Bachmann et al. (2022), die ein eher optimistisches Szenario bei einem vollständigen Energieimportembargo vorgelegt hatten, gibt es diese ausführliche Zusammenfassung unter der Überschrift Abrupter Stopp russischer Erdgaslieferungen würde deutsche Produktionum bis zu acht Prozent des BIP einbrechen lassen:

»Ein abrupter Versorgungsstopp mit russischem Erdgas – sei es durch ein Embargo von EU- oder russischer Seite – würde die Produktion in Deutschland in den ersten 12 Monaten um 114 bis 286 Milliarden Euro einbrechen lassen. Das entspräche einem Verlust von rund 3 bis 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zusätzlich zu diesen angebotsseitigen Effekten wäre mit einem nachfragebedingten Rückgang des BIP aufgrund höherer Energiepreise zu rechnen: Wenn etwa Verbraucherinnen und Verbraucher weniger für andere Güter ausgeben können und die Unsicherheit zunimmt, dürfte das die Wirtschaftsleistung um weitere 2 bis 4 Prozent reduzieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie von Prof. Dr. Tom Krebs von der Universität Mannheim, die das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung gefördert hat. Damit wäre durch ein kurzfristiges Erdgas-Embargo ein wirtschaftlicher Einbruch auf dem Niveau des Corona-Jahres 2020 oder der Finanzkrise im Jahr 2009 zu erwarten, schreibt der Professor für Volkswirtschaftslehre. Es „könnte jedoch auch zu einer Wirtschaftskrise führen, wie sie (West)Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt hat“, warnt Krebs.

Die sozialen Folgen einer derart zugespitzten Energie-Krise wären mit hoher Wahrscheinlichkeit gravierender als 2009 oder 2020, schätzt der Ökonom, der heute Nachmittag auch als Sachverständiger im Deutschen Bundestag angehört wird. Denn erstens stehe die deutsche Wirtschaft nach zwei Pandemie-Jahren, durch globale Lieferkettenprobleme sowie den Transformationsdruck im Zeichen des Klimawandels ohnehin unter Stress. Das könnte zu vermehrten Insolvenzen oder Produktionsverlagerungen führen und zu einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Möglichkeiten der Wirtschafts- und Geldpolitik, gegenzusteuern seien dagegen angesichts schon stark erhöhter Ausgaben zur Abfederung der Corona-Krise und angesichts der hohen Inflation sehr eingeschränkt. Die Preisschocks bei Energie und Nahrungsmitteln träfen zudem „überwiegend die unteren und mittleren Einkommen, so dass soziale Spannungen verschärft werden.“ 

„Kaskadeneffekte“ im Fokus

Krebs leuchtet in seiner Untersuchung insbesondere so genannte „Kaskaden-“ oder „Zweitrundeneffekte“ eines „Erdgasschocks“ durch kurzfristige Lieferstopps aus. Diese Effekte ergeben sich, wenn Schlüsselindustrien ihre Produktion auf breiter Linie herunterfahren oder ganz einstellen müssen und anderen Branchen dann zentrale Vorprodukte fehlen, was den volkswirtschaftlichen Schaden drastisch erhöht. Derartige Zusammenhänge sind quantitativ schwer abzuschätzen, weil sie in den letzten Jahrzehnten nur in sehr seltenen Extremsituationen zu beobachten waren – nach Krebs‘ Analyse eine Schwachstelle vieler Modellierungen zu den Auswirkungen eines Energieembargos.

Um sich den Effekten wissenschaftlich fundiert annähern zu können, nutzt der VWL-Professor unter anderem Studienergebnisse zu Produktionsunterbrechungen nach der Erdbeben- und Atomkatastrophe in Japan 2011. Trotz breiter Bezüge zur aktuellen Forschungsliteratur und tendenziell vorsichtiger Annahmen seien die Ergebnisse seiner Untersuchung, wie alle vergleichbaren Studien, „mit großer Unsicherheit verbunden“, betont der Forscher. Allerdings stünde die Resultate je nach Szenario durchaus im Einklang mit aktuellen Modellrechnungen, welche die Bundesbank und die Forschungsinstitute der Gemeinschaftsdiagnose (GD) angestellt haben.

Krebs nimmt seine Analyse in vier Schritten vor. Als Rahmenannahme geht er von einem vollständigen Import- bzw. Lieferstopp von Erdgas zwischen der EU und Russland zwischen Anfang Mai 2022 und Ende April 2023 aus. Der Ökonom kalkuliert sowohl ein Basisszenario als auch ein optimistischeres Alternativszenario, bei dem kurzfristig deutlich mehr russisches Erdgas durch Lieferungen aus anderen Ländern ersetzt werden kann als in den aktuellen Krisenplänen von Bundesregierung und EU erwartet.

Im ersten Schritt schätzt Krebs ab, wie stark das Erdgasangebot in Deutschland sinkt, wenn Importe aus Russland kurzfristig enden. Diese machten 2021 rund 430 Terawattstunden (TWh) aus; das entsprach knapp der Hälfte des Gesamtverbrauchs in Deutschland. Im Basisszenario, das den aktuellen Krisenplänen von EU und Bundesregierung folgt, lassen sich von diesem Verlust 140 TWh Erdgas kurzfristig durch zusätzliche Importe aus dem nicht-russischen Ausland ersetzen. Es verbleibt also ein Nettorückgang von 290 TWh oder 32 Prozent des gesamten Verbrauchs im Jahr 2021. Im alternativen Szenario wird die Annahme getroffen, dass die Regierungspläne übererfüllt werden. Konkret können im Alternativszenario kurzfristig 190 TWh Erdgas zusätzlich aus dem nicht-russischem Ausland importiert werden, so dass das effektive Erdgasangebot in Deutschland „nur“ um 240 TWh oder 27 Prozent des Verbrauchs von 2021 zurückgehen würde. Ähnliche Annahmen hatten auch die GD-Institute getroffen.

In einem zweiten Schritt der Analyse schätzt Krebs auf Basis der aktuellen Forschungslage ab, wie sich der negative Erdgasschock auf die verschiedenen Bereiche der deutschen Volkswirtschaft verteilen würde. Nach aktuellen Berechnungen, etwa der Fachleute von Agora Energiewende, kann die Energiewirtschaft kurzfristig bis zu 105 TWh Erdgas einsparen bzw. ersetzen, ohne die Energieversorgung zu gefährden. Zudem kann der Erdgasverbrauch im Gebäudebereich um rund 55 TWh reduziert werden. Allerdings müssten dazu alle privaten Haushalte ihr Verhalten ändern und weniger heizen. Zudem müssten flächendeckend Betriebseinstellungen verbessert werden (z.B. durch wassersparende Armaturen) und in einem substanziellen Teil der Haushalte investive Maßnahmen getätigt werden (z.B. durch Einbau von Wärmepumpen). Gelänge dies, verbleibt eine Lücke von 130 TWh im Basisszenario bzw. 80 TWh im alternativen Szenario, die durch eine Reduktion des Erdgasverbrauchs in der Industrie ausgeglichen werden muss. Konkret müsste die Industrie im Basisszenario dazu ihren Erdgasverbrauch gegenüber 2021 um 53 Prozent senken, im alternativen Szenario um 33 Prozent (siehe auch Tabelle 2 in der pdf-Version). Dieser Korridor definiert für Krebs den „negativen Erdgasschock“, der das Verarbeitende Gewerbe treffen würde. Ein Teil dieses Erdgasschocks kann dabei laut Krebs durch Substitution mit anderen Energieträgern aufgefangen werden, es verbliebe aber eine Lücke von 41 Prozent des industriellen Gasverbrauchs im Basisszenario und 16 Prozent im Alternativszenario, die nur durch ein Zurückfahren der Produktion geschlossen werden kann.

Sechs Industriezweige sind stark abhängig von Erdgas – und stellen Schlüsselprodukte her

Im dritten Schritt berechnet der Mannheimer Wirtschaftsprofessor den Produktionsrückgang in der erdgasgasintensiven Industrie, der als Folge der Verknappung des Erdgasangebots zu erwarten ist. In der deutschen Industrie wird Erdgas hauptsächlich in sechs erdgasintensiven Zweigen genutzt: Chemie, insbesondere Grundstoffchemie, Metallerzeugung und -bearbeitung sowie Gießerei, Glas und Keramik, Steine und Erden, Ernährung, das Papiergewerbe und der Maschinen- und Fahrzeugbau. „Für diese Industriezweige ist Erdgas ein essentieller und schwer ersetzbarer Inputfaktor im Produktionsprozess“, schreibt Krebs. Gleichwohl klammert er bei der weiteren Berechnung der Folgen auch für diese Branchen einen erheblichen Teil der Produktionsprozesse und der Wertschöpfung aus, die sich wahrscheinlich irgendwie umstellen ließen.

Im Basisszenario führt ein Erdgasembargo unter diesen Umständen zu einem Produktionsverlust in der erdgasintensiven Industrie, der einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung um 1,6 Prozent des deutschen BIPs entspricht. Im alternativen Szenario ergibt sich ein Verlust der Bruttowertschöpfung von 0,6 Prozent des BIPs in den erdgasintensiven Industriezweigen. So groß fällt nach Krebs´ Abgrenzung also der ökonomische „Erstrundeneffekt“ eines Erdgasembargos aus.

Im vierten und letzten Schritt berechnet der Forscher die gesamtwirtschaftlichen Folgen eines sofortigen Stopps russischer Gasimporte auf die Produktion, also inklusive der „Zweitrunden-“ und „Kaskadeneffekte“. Dazu schätzt er ab, inwieweit sich der Produktionsrückgang in den erdgasintensiven Industriezweigen über Produktionsverflechtungen ausbreitet und verstärkt. Die erdgasintensive Industrie in Deutschland steht größtenteils am Anfang einer komplexen Wertschöpfungskette und produziert spezialisierte Vorprodukte. Ein Produktionsrückgang bzw. Stillstand etwa in der Grundstoff- oder Metallindustrie würde also zu Unterbrechungen in den nachgelagerten Produktionsketten führen und so auf die gesamte Wirtschaft ausstrahlen.

Erfahrungen mit den Folgen von Erdbeben und Reaktorkatastrophe in Japan

Auf Basis der Studienergebnisse zu den Folgen des Erdbebens und der Reaktorkatastrophe von Fukushima für die Industrieproduktion in Japan 2011 kommt Krebs zu der Einschätzung, dass sich der ursprüngliche Produktionsrückgang in der erdgasintensiven Industrie über die Unterbrechung von Wertschöpfungsketten kurzfristig auf das fünffache verstärken dürfte. Ein verstärkter Import von Vorprodukten, den manche Forscher für einen Ausweg halten, kann nach Krebs´ Analyse „Kaskadeneffekte“ kaum dämpfen. Zwei zentrale Gründe sprechen gegen einen starken Dämpfungseffekt: Die energieintensiven Industriezweige stellten zu großen Teilen Spezialprodukte her, die, so Krebs, „kurzfristig kaum zu ersetzen sind und auch nicht auf einem ‚Weltmarkt‘ gehandelt werden“. Darüber hinaus sei zu beachten, dass die genannten Studienergebnisse zu den Folgen des Erdbebens in Japan 2011 bereits solche Substitutionsmöglichkeiten berücksichtigen.

Damit ergibt sich für das Basisszenario ein Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Produktion durch angebotsseitige Effekte um bis zu 8 Prozent des BIPs und im alternativen Szenario um bis zu 3 Prozent, rechnet der Ökonom vor. Doch damit wären die negativen Effekte eines Embargos noch nicht vollständig erfasst. Denn eine abrupte Verknappung des Gasangebots beeinflusst zusätzlich auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, weil Energiepreise steigen, Verbraucher weniger für andere Güter ausgeben können und die Unsicherheit zunimmt. Gestützt auf Simulationsanalysen der Bundesbank, des Sachverständigenrats und des IMK veranschlagt Krebs diesen zusätzlichen nachfrageseitigen Produktionsrückgang auf 2 bis 4 Prozent des BIPs. Der Gesamteffekt eines abrupten Stopps der Versorgung mit russischem Erdgas ergibt sich annährend aus der Summe der Nachfrage- und Angebotseffekte. Im Basisszenario ist also damit zu rechnen, dass das Bruttoinlandsprodukt in den 12 Monaten nach Einsetzen des Lieferstopps bis zu 12 Prozent niedriger ausfallen würde, als es bei ununterbrochener Weiterlieferung von Gas der Fall wäre, während im alternativen Szenario das BIP bis zu 7 Prozent unter der sonst zu erwartenden Entwicklung liegen würde. Dabei erwarten die meisten Forschungsinstitute für dieses Jahr ohne Erdgasembargo ein BIP-Wachstum von rund 2 Prozent.

Abschied von russischem Erdgas: Abrupt hoch riskant, über drei Jahre deutlich einfache

Wichtig ist dem Mannheimer Ökonomen aber auch eine andere Botschaft: Ein abruptes Ende von russischen Erdgaslieferungen ist nach seinen Berechnungen aktuell volkswirtschaftlich hoch riskant. Sich in einem überschaubaren Zeitraum bis 2025 aus der Abhängigkeit von russischen Erdgasimporte zu befreien, wie es die Bundesregierung vorhat, sei dagegen weitaus leichter. „Wenn es um Erdgas geht, besteht ein erheblicher Unterschied zwischen einem Anpassungszeitraum von maximal einem Jahr und einem dreijährigen Anpassungszeitraum“, schreibt Krebs. Dies gelte „sowohl hinsichtlich der Möglichkeiten, russische Erdgasimporte durch Importe aus anderen Ländern zu ersetzen, als auch hinsichtlich der Möglichkeiten, in der Produktion Erdgas durch alternative Energieträger (Öl, Kohle, Strom) zu ersetzen“.«

➔ »Sich in einem überschaubaren Zeitraum bis 2025 aus der Abhängigkeit von russischen Erdgasimporte zu befreien, wie es die Bundesregierung vorhat, sei dagegen weitaus leichter.« Dagegen wird man kaum etwas sagen können – außer den skeptischen Einwand, warum sollte Russland dem Westen und insbesondere den Deutschen, die sich selbst in diese völlig schiefe Abhängigkeit von russischen Energieimporten reinmanövriert haben, so viel Zeit geben, um sich weiter und vollständig (?) von Russland abzukoppeln? Versetzen wir uns einmal in die Situation der Russen – würden Sie dem in aller Ruhe zuschauen und brav weiter die Energie in abnehmenden Mengen liefern, die man auf EU- und insbesondere auf deutscher Seite braucht, um ohne größere Schäden aus der Nummer rauszukommen? Anders formuliert: Es kann zwar sein, dass es sehr gute Gründe gibt, bei einem Embargo russischer Energielieferungen aus unserer Sicht vorsichtig bis ablehnend zu sein, aber die russische Seite hat ebenfalls gute Gründe dafür, es nicht zu einem „weichen“ Abkoppelungsprozess kommen zu lassen.

Warum aber hat Russland noch nicht wirkliche die Daumenschrauben beim Erdgas angezogen? Wieder einmal lernt man – es ist komplizierter

Ich kann gut nachvollziehen, wenn sich der eine oder andere in den vergangenen Wochen mit der Frage beschäftigt hat, warum die Russen nicht bereits jetzt die Energielieferungen einstellen, denn da wären doch die volkswirtschaftlichen (und gesellschaftlichen) Schäden im Westen am größten. es geht nicht nur um die naheliegende Antwort, dass die Russen auf die Einnahmen ihrer Energieexporte angewiesen sind. Sie müssen vor allem immer auch mitbedenken, ob und in welchem Umfang sie das dann nicht mehr in den EU-Staaten absetzbare und monetarisierbare Erdgas an anderer Stelle verkaufen könnten. Auch hier naheliegend ist die Antwort, dass sie sich dann nach China umorientieren und der energiehungrigen zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt das von den Europäern verschmähte Erdgas (und das Erdöl) liefern. Auch hier wieder: Es ist nicht so einfach, wie man sich das im akademischen Studierzimmer zuweilen so vorstellt. Dazu dieser Artikel: Nichts in der Pipeline: »Welche Folgen hätte ein Gasembargo für Russland? Laut Experten ist das sibirische Gas zumindest mittelfristig kaum auf anderen Märkten zu verkaufen.«

In dem Artikel wird der russische Präsident Putin mit diesen aufschlussreichen Worten zitiert: „Die Realisierung von Infrastrukturprojekten bei der Eisenbahn, Pipelines und Häfen muss so beschleunigt werden, dass es schon in wenigen Jahren möglich ist, die nach Westen gehenden Öl- und Gaslieferungen auf zukunftsreichere Märkte in den Süden und den Osten umzuleiten“. Putins Idee: Neue Öl- und Gaspipelines, neue Export-Terminals in der Arktis und im Fernen Osten. Und neue Kunden in Afrika, Lateinamerika, Südostasien.

Aber was Putin und seine Planer verschweigen: Auch Russland ist noch für viele Jahre zumindest beim Erdgas abhängig – von den europäischen Abnehmern und ihren Zahlungen. Zumindest mittelfristig ist das Gas aus Russland kaum auf anderen Märkten zu verkaufen. Ein großer Teil davon müsste im sibirischen Boden bleiben, bis neue Infrastruktur gebaut ist.

»Was würde ein Embargo bedeuten? Bisher wird diese Frage nur aus Sicht der europäischen Verbraucher debattiert: knappes Gas, hohe Preise, Notfallpläne, Abschaltung von Industrien, Wirtschaftskrise. Aber was würde bei einer Abschaltung oder einem Embargo am Startpunkt der drei großen Pipelines passieren, die von Westsibirien durch die Ostsee (Nord Stream 1, 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr), durch Belarus (Jamal-Europa-Pipeline, 32 Milliarden) und durch die Ukraine (Transgas, 120 Milliarden) nach Westen laufen?«

»Technisch gesehen generell kein großes Problem, sagt Stefan Leunig, Sprecher von Winterhall Dea. Der Konzern beutet in Westsibirien zusammen mit Gazprom drei große Gasfelder aus. Schon im Normalbetrieb würden die Rohre für Wartungsarbeiten immer mal wieder „für ein paar Tage“ abgeschaltet und das Gas werde im Netz umgeleitet. Wenn allerdings gar kein Gas mehr in die Pipelines geschickt werde, müsse und könne man den Ertrag aus den Feldern drosseln. Das Gas steht unter Druck oder wird durch Injektionen nach oben getrieben, aber man könnte „das Ventil zudrehen“, wie Leunig sagt. Das würde die Felder zunächst auch nicht beschädigen, man käme später wieder an das Gas heran. In einem solchen Prozess würde dann überflüssiges Gas im Zweifel abgefackelt, heißt es. Dieses „Flaring“ würde aber nur geringe Restmengen betreffen.«

Das hört sich nicht nach einem größeren oder gar unüberwindbaren Problem für die Russen an. Aber lesen wir weiter:

»Doch der gut eingespielte Ablauf der Förderung müsste unterbrochen werden. Denn Speicher von der Größe der täglich abfließenden Mengen gibt es an den Feldern kaum – und „die Speicher in Russland sind nach unseren Informationen voll“, sagt Franziska Holz, Energieexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Anders als Deutschland, wo die Speicher trotz hoher Preise und gegen den ökonomischen Sachverstand leer sind, haben die Russen vor dem Ukraine­krieg ihre Reserven aufgefüllt.
„Allerdings verdient Gazprom auf dem russischen Markt mit dem Gas kaum Geld, denn die Preise sind aus sozialen Gründen niedrig“, sagt Holz. Der Export nach Europa sei die „Cash-Cow“ für den Konzern. Wenn der wegfalle, fehle dem Gasgiganten Gazprom das Geld, auch für seine Funktion in der Gesellschaft: „In vielen Gegenden ersetzt Gazprom dort praktisch den Staat“, sagt Holz. Gazprom habe weltweit fast eine halbe Million Angestellte, nur etwa die Hälfte davon arbeiteten bei der Ausbeutung von Rohstoffen: „Der Konzern finanziert Schwimmbäder, Kitas, Bibliotheken, wer dort arbeitet, bekommt sein Gehalt von Gazprom. Wenn das Geld nicht mehr fließt, wird das schwierig.“«

Also eben das Erdgas in andere Länder wie China liefern. Oder?

»Wohin also mit dem Gas? Jedenfalls nicht nach China, wie häufig angedeutet wird. Denn zwischen den großen Gasfeldern im Westen und dem asiatischen Markt gibt es keine leistungsstarken Leitungen. Seit 2019 liefert zwar die Pipeline „Kraft Sibiriens“ Erdgas aus dem russischen Osten nach China, etwa 60 Milliarden Kubikmeter aus den kleineren östlichen Feldern. Ein zweiter Teil dieser Pipeline ist geplant, wird aber nicht vor 2030 fertiggestellt sein. Wenn das Gas nicht direkt auf den üblichen Wegen nach Deutschland oder in die Slowakei fließt, kann es noch indirekt nach Europa gelangen: Über die Türkei und Bulgarien (Turkstream mit 31,5 Milliarden) und dann nach Griechenland oder auf den Balkan. Aber das Problem auch hier: Die Leitungen haben zu wenig Volumen, um zusätzlich substanzielle Mengen der 210 Milliarden Kubikmeter aufzunehmen, die Richtung Europa fließen. Und in der Türkei gibt es kaum Erdgasspeicher, die man auffüllen könnte, warnen Experten.
Als weiterer Ausweg böte sich an, Gas zu verflüssigen und dann als LNG zu verschiffen. Allerdings: Der einzige LNG-Terminal in Westsibirien ist ausgelastet und kann nicht schnell erweitert werden. „Und er wird von Novatek betrieben, einer Konkurrenzfirma von Gazprom“, sagt Holz. „Es ist nicht wahrscheinlich, dass sie mal eben Gazprom-Gas verarbeiten.“ Die anderen LNG-Terminals Russlands liegen im Fernen Osten – und allgemein wird die Entwicklung dieser Technik nach Ansicht der Experten vom Oxford Institute for Energy Studies (OIES) durch die westlichen Sanktionen gebremst. Immerhin ist die russische Gas- und Ölwirtschaft etwa bei Offshore-Techniken, bei einigen Prozessen in Raffinerien und bei der Software fürs Bohren und Verteilen teilweise zu 80 und mehr Prozent von westlichem Know-how abhängig. Auch andere Experten sehen das Embargo auf westliche Bohrtechnik durchaus als mittelfristiges Problem für Betrieb, Wartung und Reparatur an den Gasfeldern. Eine bisher geplante Ausweitung der Produktion sei so fraglich.«

Fazit: Es gibt derzeit keinen alternativen Exportmarkt für westsibirisches Gas, wenn Europa als Abnehmer aus welchen Gründen auch immer wegfallen würde.

Auf der anderen Seite muss man zur Kenntnis nehmen, dass der jetzige Zustand für die Russen durchaus ideal ist: Die Unsicherheit über die Zukunft des Gasmarkts halte die Preise künstlich hoch, damit verdient man zusätzlich eine Menge Geld. Die derzeitige Situation ist „die schlimmste aller Welten“: Sie hält die Gaspreise hoch und hält als Konsequenz daraus die russischen Einnahmen aus dem Gas auf Rekordhöhe.

Das Lager der „Pessimisten“ hinsichtlich der volkswirtschaftlichen Auswirkungen eines Energieembargos füllt sich: Auch das Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute reiht sich ein

Mitte April dieses Jahres wurde das „Frühjahrsgutachten 2022“ eines Konsortiums von Wirtschaftsforschungsinstitute veröffentlicht. Nunmehr gibt es eine Zusammenfassung der wichtigsten Befunde mit einem besonderen Fokus auf die (möglichen) Auswirkungen eines Stopps der Energielieferungen aus Russland – zugleich wird das eingeordnet in die anderen Baustellen, die wir nicht vergessen dürfen, wie den Folgen der zwei Corona-Jahren (und den weiter anhaltenden Belastungen, wenn Sie an die aktuellen Entwicklungen in China denken). Außerdem wird das Thema, das wir in der letzten Woche behandelt haben, besonders herausgestellt: die Auswirkungen der Entwicklungen auf die steigende Inflation (mit der ganz erhebliche Folgewirkungen für Millionen Menschen verbunden sind):

➔ Martin Gornig, Oliver Holtemöller, Stefan Kooths, Torsten Schmidt, Timo Wollmershäuser (2022): Gemeinschaftsdiagnose: Ohne russisches Gas droht eine scharfe Rezession in Deutschland, in: Wirtschaftsdienst, Heft 5/2022

»Die deutsche Wirtschaft steuert durch schwieriges Fahrwasser. Die Auftriebskräfte durch den Wegfall der Pandemiebeschränkungen, die Nachwehen der Coronakrise und die Schockwellen durch den Krieg in der Ukraine sorgen für gegenläufige konjunkturelle Strömungen. Allen Einflüssen gemeinsam ist ihre preistreibende Wirkung.«

Bitte lesen vor dem Hintergrund, was Sie schon alles über das Thema wissen.

Schlussendlich: manchmal helfen Videos anders (und vielleicht für den einen oder anderen besser) als lange Texte

Ich möchte Sie bitten, ergänzend zu den Ausführungen in diesem Blog-Beitrag und in dem Aufsatz aus dem Wirtschaftsdienst ein Blick auf die folgenden Fernsehbeiträge zu werfen, um das Thema abzurunden:

➔ Plusminus: Energiewende – die neue Abhängigkeit von China (11.05.2022)
Deutschland will unabhängig von russischem Öl, Gas und Kohle werden und erneuerbare Energien schneller ausbauen. Dafür sind jede Menge Solar- und Windkraftanlagen nötig. Diese kommen größtenteils aus China. Ausgerechnet in dieser Zukunftsbranche hat Deutschland in den letzten Jahren Zehntausende Jobs abgebaut.

➔ NDR: Das Energie-Dilemma: Wie sichern wir unsere Versorgung? (09.05.2022)
Der Ukraine-Krieg hat die Abhängigkeit Deutschlands von russischer Energie in den Fokus gerückt. Seit Jahrzehnten tragen Kohle, Erdöl und vor allem Gas aus Russland wesentlich zum deutschen Energiemix bei. Jetzt die radikale Kehrtwende. Deutschland will sich aus der Abhängigkeit lösen. Doch woher soll der Strom aus der Steckdose kommen, wenn russische Energieträger ausbleiben? Wie will die Politik weitere Preisexplosionen verhindern? Wie kann der Industriehunger nach Energie gestillt werden? Und welche Rolle spielen dabei erneuerbare Energien?
Anmerkung: Ich hatte Sie schon in einer meiner Rundmails auf diese Doku des NDR-Fernsehens (45 Minuten und damit deutlich länger als anderen drei Fernsehbeiträge, die ich hier verlinkt habe).

➔ Plusminus: Sicherheit der Gasversorgung steht auf dem Spiel (04.05.2022)
Ohne Not hat Deutschland seine Gasinfrastruktur verkauft. Nicht nur Förderrechte, sondern auch Speicher und Fernleitungen gingen an russische Investoren. Die Vorsorge für den kommenden Winter wird so immer schwieriger.
Anmerkung: Besondere Empfehlung von mir, denn hier wird beleuchtet, was in den Jahren vor der jetzigen Krise auch und gerade auf deutscher Seite falsch gelaufen ist.

➔ Plusminus: Gasversorgung – Wie sähe „Fracking“ in Deutschland aus? (27.04.2022)
Um die Gasversorgung zu gewährleisten will die Bundesrepublik unter anderem auf Fracking-Gas aus den USA setzen. Aber wäre diese Technik auch in Deutschland möglich? Welche Folgen hätte das Fracking hier bei uns?