Eine Studie hat ergeben … da sollte man immer genauer hinschauen. Die Frey/Osborne-Studie von 2013 und die Kritik ihrer Methodik. Und darüber hinaus

Sie hatten den Auftrag bekommen, einmal genauer auf das methodische Vorgehen in der vielzitierten Frey/Osborne-Studie aus dem Jahr 2013 zu schauen.

Die Auseinandersetzung mit dieser Studie ist auch deshalb von Bedeutung: Wesentlich bestimmt wurden die Diskussionen zur Digitalisierung der Arbeitswelt in den letzten Jahren durch die auf den US-amerikanischen Arbeitsmarkt bezogene Studie von Frey und Osborne (2013). Die Studienautoren zeichneten darin ein besorgniserregendes Bild der Zukunft. Demnach hätten 47 Prozent der US-amerikanischen Arbeitsplätze ein hohes Risiko, in den nächsten ein bis zwei Dekaden durch Digitalisierung (Computerisierung, Roboterisierung, Automatisierung) verlorenzugehen. Hohes Risiko bedeutet in diesem Kontext eine Automatisierungswahrscheinlichkeit von mehr als 70 Prozent.

Vor allem drei Punkte sind hervorzuheben:

1.) Die Ersetzungswahrscheinlichkeiten von insgesamt 702 angeführten Berufen in den USA basieren auf einer subjektiven Einteilung 70 ausgewählter Berufe in ersetzbar oder nicht- ersetzbar. Diese Einteilung erfolgte durch qualitative Interviews mit Experten aus dem Fachgebiet maschinelles Lernen. Es wurden nur solche Berufe bewertet, bei denen sich die Forscher „ausreichend sicher“ waren.

2.) Die Ersetzungswahrscheinlichkeiten der so eingeteilten Berufe werden auf berufsbeschreibende Variablen regressiert, um mit den so gewonnenen Koeffizienten die Ersetzungswahrscheinlichkeiten aller verbleibenden Berufe zu berechnen. Auf Basis der 70 subjektiv zugeordneten Berufe werden die Koeffizienten, also der Einfluss dieser Variablen auf die Ersetzungswahrscheinlichkeit, geschätzt. Diese Koeffizienten dienen dann der Berechnung der Ersetzungswahrscheinlichkeiten der restlichen 632 Berufe.

3.) Die Grundlage der Ersetzungswahrscheinlichkeit eines einzelnen Berufs bei Frey und Osborne sind allein die Ersetzungswahrscheinlichkeiten von neun aus 218 verfügbaren Fähigkeiten und Tätigkeiten. Unter die vielen ignorierten Fähigkeiten und Tätigkeiten fallen auch kritisches Denken, Problemlösen, Ausbilden und Führen Anderer. Das Ausmaß dieser Vereinfachung ist bemerkenswert: Die Ersetzbarkeit eines Berufs, der nur eine dieser neun Ausprägungen in der Datenbank aufweist, möglicherweise aber beliebig viele andere, entscheidet sich durch die Ersetzbarkeit dieser einen Tätigkeit. Wer die Studie von Frey und Osborne als Grundlage für die eigene Forschung verwenden möchte, muss also akzeptieren, dass alle 702 Berufe durch diese neun Variablen ausreichend beschrieben werden können.

Man sollte immer sehr kritisch an Studien herangehen. Gerade in einer kritischen Auseinandersetzung mit der Frey/Osborne-Studie aus dem Jahr 2013 wurde in dem Beitrag 

➔ Nicolaus Heinen, Alexander Heuer, Philipp Schautschick (2017): Künstliche Intelligenz und der Faktor Arbeit. Implikationen für Unternehmen und Wirtschaftspolitik, in: Wirtschaftsdienst, Heft 10/2017, S. 714 ff.

zugleich auch ein Gerüst an die Hand gegeben, mit dem an solche Studien herangehen kann:

Die Studie von Frey und Osborne erlangte aufgrund ihrer alarmierenden Ergebnisse erhebliche mediale Aufmerksamkeit. Auf ihr baute jedoch auch eine ganze Reihe von Folgestudien auf, die zu ähnlich beunruhigenden Ergebnissen kamen.

Frey/Osborne (2013) beziehen sich auf den US- amerikanischen Arbeitsmarkt, was eine nicht-triviale Information ist, gerade hinsichtlich des Transfers auf den deutschen Arbeitsmarkt, der durchaus anders strukturiert ist als der in den USA. Die beiden Ökonomen haben einen berufsbezogenen Ansatz gewählt. Um die Berufe zu klassifizieren, haben sie die Standard Occupational Classifaction (SOC) gewählt, von denen sie 702 der 840 verzeichneten Berufe verwenden. Aber die Schätzungen die Automatisierungswahrscheinlichkeiten betreffend beziehen sich dann nicht auf alle, sondern sie wurden nur für einen Teil der Berufe gemacht und dann deren Ergebnisse für die anderen „hochgerechnet“. Die Schätzungen basieren auf der Bewertung von „Experten“, in diesem Fall von Technikexperten, die möglicherweise bzw. wahrscheinlich eine verzerrte Sicht auf die Dinge haben und manches Mögliche überbewerten.

Vor allem der Aspekt des berufsbezogenen Ansatzes ist hervorzuheben, denn zu anderen Befunden kommt eine andere Methodik, den man als tätigkeitsbezogenen Ansatz bezeichnen kann. Stellvertretend dafür diese Veröffentlichung aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit:

➔ Katharina Dengler und Britta Matthes (2015): Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt. In kaum einem Beruf ist der Mensch vollständig ersetzbar. IAB- Kurzbericht Nr. 24/2015, Nürnberg 2015

Auch in Deutschland ist die Frey/Osborne-These auf fruchtbaren Boden gefallen. Der Chefvolkswirt der ING DiBa Bank hat versucht, deren Ansatz auf Deutschland zu übertragen. Das Ergebnis finden Sie hier:

➔ Carsten Brzeski und Inga Burk (2015): Die Roboter kommen. Folgen der Automatisierung für den deutschen Arbeitsmarkt, 30. April 2015

Die beiden Ökonomen der ING DiBa-Bank haben die Methode von Frey/Osborne auf Deutschland übertragen und kamen damals zu diesem Befund: »Wenn wir die verfügbaren Arbeitsmarktdaten für Deutschland mit den von Frey und Osborne berechneten Wahrscheinlichkeiten kombinieren, stellt sich heraus, dass 59 % oder über 18 Millionen Arbeitsplätze gefährdet sind.« Also sogar mehr als die immer wieder gerne zitierten 47 % aus der Original-Studie für die US-amerikanischen Jobs.

Mittlerweile ist erhebliche Kritik von unterschiedlicher Seite an den apokalyptisch daherkommenden Zahlen, was die (angeblichen) Beschäftigungsverluste durch die Roboterisierung, Digitalisierung usw. angeht. Und die Ökonomen der ING DiBA haben das natürlich auch zur Kenntnis nehmen müssen – und sie haben mit einer neuen Veröffentlichung darauf regiert:

➔ Carsten Brzeski und Inga Fechner (2018): Die Roboter kommen (doch nicht?) Folgen der Automatisierung für den deutschen Arbeitsmarkt – eine Bestandsaufnahme, Frankfurt am Main: ING DibA, 11. Juni 2018

Aufgabe: Schauen Sie sich bitte einmal die Veröffentlichung von Brzeski/Fechner (2018) an. Wie argumentieren die jetzt im Lichte der zwischenzeitlich vorgetragenen Kritik an der Frey/Osborne-Studie, die sie selbst in ihrer ersten Studie auf Deutschland übertragen haben?

In der FAZ erschien im Jahr 2016 dieser Artikel über einen der beiden Autoren: Der Roboterversteher, so ist der Beitrag von Sven Astheimer überschrieben. »Die Wirkung der nur etwas mehr als 70 Seiten war gewaltig« – und Astheimer meint natürlich die Studie, mit der Sie sich schon beschäftigt haben. Interessant, ein Aspekt, den wir auch in der Vorlesung schon angesprochen haben, taucht hier wieder auf: »Dabei zeichneten sich nicht wie bei den Industrialisierungsschüben der Vergangenheit nur die Geringqualifizierten als Verlierer ab. Diesmal drohen auch Beschäftigte der Mittelschicht unter die Räder der Modernisierung zu geraten. Vom einfachen Anwalt bis zum technischen Assistenten durfte sich niemand mehr sicher sein, von der technischen Arbeitslosigkeit nicht erwischt zu werden, die schon John Maynard Keynes beschrieben hat.«

Und dann wird auf das hingewiesen, was wir schon kritisch diskutiert haben: »Vor allem eine Zahl breitete sich erst in wissenschaftlichen Zirkeln, später in den Massenmedien wie ein Lauffeuer aus: 47 Prozent der Amerikaner sind einem hohen Risiko ausgesetzt, ihren Arbeitsplatz an einen Roboter oder Algorithmus zu verlieren. Politiker, Gewerkschafter und Beschäftigte rund um den Globus bekamen es mit der Angst zu tun. Führt der Einsatz von künstlicher Intelligenz und vernetzter Maschinen zu einer neuen Welle der Massenarbeitslosigkeit, nachdem sich die Arbeitsmärkte in den meisten Industrieländern gerade langsam von den Folgen der Finanzkrise erholten?

Anschlussstudien schossen wie Pilze aus dem Boden, Regierungen wollten wissen, was in ihrem Land infolge der Digitalisierung droht. Auch der nationale IT-Gipfel in Saarbrücken befasst sich in dieser Woche als Folge der Diskussion mit der „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“. Für die einen haben Frey und Osborne damit die wichtigste technisch-ökonomische Debatte der Gegenwart angestoßen, andere sprechen von reißerischen Thesen, die unnötige Ängste schüren.«

Dann kommt ein Passus, den man allerdings auch kritisch diskutieren kann: »Gerade hat er in Bonn seine Ergebnisse vor einem Fachpublikum erläutert. Im Anschluss stand er Rede und Antwort. Ein Kollege versteckte seine Kritik relativ unverhohlen hinter der Frage, ob Wissenschaftler nicht dazu angehalten sind, mit ihren Ergebnissen verantwortungsvoll umzugehen. Es wundere ihn, sagt Frey, wie die Ergebnisse in der Öffentlichkeit transportiertwurden. „Die 47 Prozent wurden nicht von uns plakatiert, sie stehen irgendwo mitten im Bericht.“« Ganz so ist es dann auch nicht, schauen Sie dazu mal auf die Titelseite der 2013 publizierten Studie – da finden wir die 47 Prozent ziemlich prominent platziert:

Auch ich habe schon vor einiger Zeit etwas zur Rezeption der Studie von Frey/Osborne geschrieben, in meinem Blog natürlich mit einem besonderen sozialpolitischen Fokus:

➔ Stefan Sell (2017): Wenn sich eine Pi-mal-Daumen-Studie verselbständigt und bei sozialpolitischen Grundsatzthemen wie einem bedingungslosen Grundeinkommen als Referenz dient, in: Aktuelle Sozialpolitik, 13.03.2017

Und was ist sonst seit 2013 passiert – also bei den Verfassern dieser auch heute noch immer wieder zitierten Studie? Schauen wir wieder auf Frey:

Eine der beiden Autoren hat zwischenzeitlich das gemacht, was klassische Wissenschaftler so machen: Ein (weiteres) Buch schreiben. „The Technology Trap. Capital, Labor, and Power in the Age of Automation“, so heißt das im Original. Dazu auch dieser Gastbeitrag von Frey in der WirtschaftsWoche:

➔ Carl Benedikt Frey (2019): Die Technologiefalle, in: WirtschaftsWoche Online, 15.09.2019

Und im Juli 2020 wurde ein Interview mit ihm veröffentlicht, unter der Überschrift Die Globalisierung bringt eine kreative Zerstörung mit sich: »Unsere Volkswirtschaften sind in Not auf Grund des Herunterschaltens in der Corona Krise, aber schon zuvor haben wir einen Abschwung der Wirtschaft erwartet. Auch erwartet wird eine hohe Arbeitslosigkeit und ein Wandel in der Arbeitswelt. Produktivität und Lohnwachstum wurden entkoppelt. Wachstumsraten werden größtenteils von Kapitalbesitzern erzeugt. Das Ergebnis der fortschreitenden technologischen Revolution (Digitalisierung) und der Globalisierung sind die Faktoren, die wir in diesem Szenario diskutieren. Und entsprechend der anhaltenden Krise diskutieren wir ihren Einfluss auf bereits in Aktion befindliche Tendenzen.«

Die möglichen Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt – so viele Studien. Da ist es hilfreich, wenn das jemand mal zusammenfasst

Nun kann man allein in diesem Thema Digitalisierung und ihre möglichen Auswirkungen sein Leben mit der Sichtung und dem Lesen der zahlreichen wissenschaftlichen Studien verbringen, die dazu publiziert worden sind. Da ist es besonders hilfreich, wenn man einen Teil der damit verbundenen Arbeit abgenommen bekommt. So wie mit dieser Veröffentlichung aus der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung.

Es handelt sich konkret um diese wirkliche Fleißarbeit:

➔ Andrea Laukhuf et al. (2019): Beschäftigungseffekte der Digitalisierung in Branchen. Ein Literaturüberblick. Forschungsförderung Working Paper, Nr. 162. Düsseldorf: Hans-Böckler- Stiftung, November 2019

»Im Literaturüberblick werden Studien zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigung in Deutschland vorgestellt. Der Fokus liegt dabei auf branchenspezifischen Auswertungen. In schematischen Darstellungen wird herausgestellt, für welche Branchen und Berufe von einer quantitativen Veränderung der Beschäftigung ausgegangen wird. Darüber hinaus wird aufgeschlüsselt, welche Methoden und Datengrundlagen den jeweiligen Studien zugrunde liegen und worin die Kernaussaugen bestehen.«

Besonders aufmerksam machen möchte ich Sie auf die tabellarischen Übersichten ab S. 66 der Publikation von Laukhuf et al. (2019):

➔ Übersicht über die durch die Digitalisierung ausgelösten Beschäftigungseffekte der ausgewählten Studien (S. 66-67)

➔ Übersicht über die ausgewählten Studien zum Thema Digitalisierung und Arbeitsmarkt (S. 68-81)