Aber wenigstens die Industriebeschäftigten werden doch wegautomatisiert … Wieder einmal zeigt sich: Es ist nicht so einfach mit der „Wenn, dann …-Denke“

Wir haben in der Auseinandersetzung über die Frey/Osborne-Studie aus dem Jahr 2013 und der bis heute anhaltenden Rezeption in vielen Medienberichten gelernt, dass man wie immer genauer hinschauen muss und dass sich Verallgemeinerungen oftmals verbieten. Vor allem, wenn das generalisierend auf andere Länder (und Systeme) übertragen wird.

Ich hatte im letzten Beitrag darauf hingewiesen, dass in einer ersten Phase nach der Veröffentlichung der Frey/Osborne-Studie deren Ansatz auch in Deutschland aufgegriffen wurde – mit teilweise noch heftigeren Ergebnissen, was die Wahrscheinlichkeiten einer Automatisierung der Berufe anging. Vgl. dazu beispielsweise Brzeski/Burk 2015. Die kamen zu dem apokalyptischen Ergebnis, »dass 59 % oder über 18 Millionen Arbeitsplätze gefährdet sind«, also noch mal deutlich mehr als die von Frey/Osborne 2013 für den US-amerikanischen Arbeitsmarkt in den Raum gestellten 47 %. Nun war das 2015, vielleicht im Überschwang der Aufmerksamkeit garantierenden Rezeption des angeblichen Wegfalls der Hälfte aller Jobs, denn diese Verkürzung wurde und wird immer wieder vorgenommen. In der Folgezeit wurde dann nicht nur eine kritische Einordnung der Frey/Osborne-Studie vorgenommen, sondern es wurde seitens der modernen Arbeitsmarktforschung mit dem tätigkeitsbasierten Ansatz auch eine alternative Herangehensweise an die Bestimmung der Substitutionsrisiken entwickelt, die dann auch zu anderen, weniger dramatisch daherkommenden Wahrscheinlichkeitswerten kommt.

Ich hatte Sie dann aber auch in dem Beitrag auf eine Folgeveröffentlichung der Volkswirte aus der ING DiBa hingewiesen, in der offensichtlich die zwischenzeitlich vorgetragenen Kritikpunkte aufgegriffen wurden (vgl. dazu Brzeski/Fechner 2018). Sie hatten dann diesen Arbeitsauftrag bekommen: Wie argumentieren die jetzt im Lichte der zwischenzeitlich vorgetragenen Kritik an der Frey/Osborne-Studie, die sie selbst in ihrer ersten Studie auf Deutschland übertragen haben? Wir haben heute eine hervorragende Beantwortung dieser Fragestellung in der Veranstaltung bekommen.

Dabei wurde darauf hingewiesen, dass in der neueren Veröffentlichung von Brzeski/Fechner (2018) besonders die Polarisierungsthese herausgestellt wird. Dazu aus dem apper der beiden: »Jobs, welche in die Kategorie „Hilfsarbeitskräfte“ fallen, konnten trotz einer Automatisierungswahrscheinlichkeit von 85% einen Stellenzuwachs von 7% verzeichnen. Diese Entwicklung unterstützt jedoch die Polarisierungsthese, die besagt, dass es zu einer Aufteilung in höher- und niedrigqualifizierte Berufe kommt und die fachliche Schicht auf Dauer verdrängt wird. Neben „Hilfsarbeitskräften“ (unqualifiziert) wurde der stärkste Beschäftigungszuwachs in den Kategorien „Führungskräfte“ und „Akademische Berufe“ (hochqualifiziert) verzeichnet.« Und weiter heißt es dort: »Diese Polarisierungsthese wird noch deutlicher, wenn man Berufsgruppen stärker zusammenfasst. Hier zeigt sich, dass Berufe mit sogenannten „hoch komplexen und komplexen“ Tätigkeiten, die eine Automatisierungswahrscheinlichkeit von unter 10% haben, in der Tat das höchste Beschäftigungswachstum zwischen 2013 und 2017 aufweisen (+8,1%). Knapp danach folgen Berufe mit sogenannten Helfertätigkeiten, die eine Automatisierungswahrscheinlichkeit von mehr als 85% haben. Berufe mit sogenannten „fachlichen“ Tätigkeiten hatten dahingegen nur ein Beschäftigungswachstum von gut 3,5%, obwohl sie die gleiche Automatisierungswahrscheinlichkeit wie Helfertätigkeiten haben.«

Schlussendlich bilanzieren Brzeski/Fechner (2018: 5): »Es besteht ein negativer Zusammenhang zwischen dem Beschäftigungswachstum und der Automatisierungswahrscheinlichkeit. Doch dieser Zusammenhang ist natürlich nicht perfekt. So gibt es Jobs, bei denen das Beschäftigungswachstum trotz hoher Automatisierungswahrscheinlichkeit im betrachteten Zeitraum zugenommen hat und umgekehrt. Wie zum Beispiel Berufe im Gastronomieservice oder Berufe im Veranstaltungsservice und -management, die trotz einer hohen Automatisierungsmöglichkeit ein hohes Beschäftigungswachstum gesehen haben. Dieses widerlegt die Automatisierungsthese allerdings nicht, sondern fügt nur eine neue Dimension hinzu: die der Polarisierungsthese, d.h., dass Automatisierung und Digitalisierung die Schere auf dem Arbeitsmarkt zwischen hoch- und niedrigqualifizierten Jobs weiter öffnen können.«

Daraus kann (und soll) man schlussfolgern, dass zumindest die Jobs im mittleren Qualifikationsbereich, also die (noch gut bezahlten) Jobs der Facharbeiter und angelernten Beschäftigten in den Industrieunternehmen, die immer produktiver werden wollen und müssen, wegautomatisiert werden. Das wäre natürlich gerade für Deutschland mit seinem immer noch überdurchschnittlich hohen Anteil an industrieller Wertschöpfung und Beschäftigung im Vergleich zu anderen Ländern eine schwere Hypothek. Wenn es denn so wäre.

In diesem Zusammenhang haben ich Sie auf einen neuen Beitrag hingewiesen, der sich genau hier mit Widersprüchen beschäftigt und die Ursachen diskutiert. Bitte lesen Sie den folgenden Text:

➔ Anna Waldman-Brown (2022): Automation Isn’t the Biggest Threat to US Factory Jobs. German factories have more robots than their US counterparts—so why are Americans four times more likely to leave their manufacturing jobs?, in: WIRED Online, 01.05.2022

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➔ Anna Waldman-Brown (2022): Automation Isn’t the Biggest Threat to US Factory Jobs. German factories have more robots than their US counterparts—so why are Americans four times more likely to leave their manufacturing jobs?, in: WIRED Online, 01.05.2022