»Künstliche Intelligenz verlässt den Bildschirm. Während Investoren in den vergangenen Jahren vor allem auf Sprachmodelle für Chatbots setzten, fließt das Geld zunehmend in Technologien, die Maschinen sehen, greifen und sich bewegen lassen. Physical AI – Künstliche Intelligenz für die physische Welt – entwickelt sich zur neuen Wachstumswette«, so Nina Müller in ihrem Artikel „Investoren setzen ihr Geld jetzt auf KI zum Anfassen“, der am 14. Januar 2026 in der Online-Ausgabe der FAZ veröffentlicht wurde.
Da wird offensichtlich eine Menge Geld bewegt: »Robotikunternehmen allein sammelten im Jahr 2025 eine Rekordfinanzierung von 40,7 Milliarden Dollar ein. Das entspricht neun Prozent aller weltweiten Risikokapitalinvestitionen.« Zugleich dominieren Entwickler von Physical-AI-Modellen vier der zehn Märkte mit dem größten Momentum für Investoren.
Da wird sich der eine oder andere erst einmal fragen: Was ist „Physical AI“?
»Physical AI beschreibt Künstliche Intelligenz, die in der realen Welt agiert – nicht nur Text verarbeitet, sondern ihre Umgebung wahrnimmt, Entscheidungen in Echtzeit trifft und physische Aktionen ausführt. Dazu gehören autonome Fahrzeuge, die Hindernissen ausweichen, humanoide Roboter, die Objekte greifen, oder Drohnen, die eigenständig navigieren. Anders als Large Language Models wie hinter ChatGPT, die primär Sprache verarbeiten, kombinieren Physical-AI-Systeme Vision-Modelle zur Bildanalyse mit der Fähigkeit, diese Informationen in Bewegung zu übersetzen.
Während traditionelle Industrieroboter starre, vorprogrammierte Abläufe ausführen, sollen Physical-AI-Systeme flexible, menschenähnliche Tätigkeiten ermöglichen, also Aufgaben übernehmen, die bisher nur Menschen erledigen konnten.«
Wo stehen wir gerade? Und in was genau wird da viel Geld investiert
Der „ChatGPT-Moment für Physical AI“ ist da, so Müller in ihrem Beitrag.
»Dass diese Vision näher rückt, zeigt die Consumer Electronics Show Anfang Januar in Las Vegas. Dort stellte Nvidia unter anderem seine Alpamayo-Modellfamilie vor, mit deren Hilfe autonome Fahrzeuge komplexe Verkehrssituationen analysieren und ihre Fahrmanöver begründen sollen. Nvidia-Chef Jensen Huang nannte das gar den „ChatGPT-Moment für Physical AI“.«
»Gleichzeitig präsentierte Neura Robotics aus Metzingen die neue Generation seines humanoiden Roboters 4NE1, der in industriellen Umgebungen Materialien handhaben und Fertigungsaufgaben übernehmen soll. Dabei setzt Neura auf Nvidias Isaac GR00T – ein Foundation-Model speziell für humanoide Roboter. Diese Ankündigungen spiegeln wider, was Investoren bereits seit Monaten finanzieren.«1
Aber: »Allerdings dominieren klassische KI-Unternehmen weiterhin die größten Finanzierungsrunden. OpenAI sammelte im Jahr 2025 insgesamt 41 Milliarden Dollar ein und ist mittlerweile 500 Milliarden Dollar wert. Anthropic plant gerade eine neue Finanzierungsrunde, die das KI-Unternehmen mit 350 Milliarden Dollar bewerten würde. Doch auch hier verschwimmen die Grenzen: Unternehmen wie Lambda, das zuletzt 1,5 Milliarden Dollar einsammelte, fokussieren sich auf Cloud-Infrastruktur für KI-Training. Die gilt als eine Grundvoraussetzung sowohl für Sprachmodelle als auch für Physical-AI-Anwendungen.«
„Bei den Sprachmodellen geht es jetzt vor allem um die Applikationen“
„Die Leistungen der großen Modelle konvergieren mittlerweile. Der limitierende Faktor für die Anwendung ist jetzt die Verfügbarkeit von domänenspezifischen Daten.“ Mit diesen Worten wird Herbert Mangesius, Partner beim Risikokapitalgeber Vsquared Ventures aus München, zitiert.
➔ Zum ersten Mal machten im vergangenen Jahr Investitionen in KI die Hälfte der gesamten Venture-Investitionen aus: insgesamt 226 Milliarden Dollar. Dass das meiste Kapital in Richtung USA fließt, bleibt unverändert. Im vierten Quartal 2025 flossen allein 71,3 Milliarden Dollar, also gut 85 Prozent der globalen KI-Investitionen in diesem Zeitraum, in US-amerikanische KI-Start-ups. Europa erhielt im gleichen Zeitraum 6,3 Milliarden und Asien 4,6 Milliarden Dollar.
Aber warum spricht Müller in ihrem Beitrag von Wetten?
Physical AI muss sich noch beweisen. Beispiel autonomes Fahren:
»Physische KI gilt als eines der wichtigsten Technologiethemen für die Zukunft. Ob die Milliardenwetten der Investoren aufgehen, ist dabei noch offen. Positivbeispiele aus der Praxis gibt es bereits: In immer mehr amerikanischen Städten manövrieren die autonomen Robotaxis von Waymo bereits ohne Fahrer durch den Verkehr. Ein selbstfahrendes Taxi lässt sich in San Francisco genauso einfach buchen wie ein Uber, weshalb mittlerweile im ganzen Land jede Woche 450.000 bezahlte Waymo-Fahrten stattfinden.
Das Unternehmen profitiert allerdings von jahrelanger Entwicklung und den finanziellen Ressourcen vom Mutterkonzern Alphabet. Teslas angekündigte Robotaxis hingegen kämpfen noch mit technischen Hürden. In Texas fahren zwar erste Elektroautos des Unternehmens mittlerweile autonom, also ohne Sicherheitsfahrer. Einen vollständig autonomen Fahrdienst hat Tesla jedoch noch nicht kommerziell in Betrieb genommen.«
Und ein anderes Beispiel, bei dem die Fragezeichen noch größer sind:
»Noch schwieriger wird es bei intelligenten humanoiden Robotern. Die meisten Demonstrationen zeigen ferngesteuerte Systeme oder eng begrenzte Pilotprojekte in kontrollierten Umgebungen. Der Durchbruch, der humanoide Roboter zu zuverlässigen Arbeitskräften in Fabriken, im Service oder in Lagerhäusern macht, steht noch aus. Hier befänden wir uns gerade erst am Anfang«
Es bleiben die Visionen und die Hoffnungen auf das ganz große Dinge – oder in diesen Worten von Herbert Mangesius, Partner beim Risikokapitalgeber Vsquared Ventures aus München, der bei Vsquared Ventures unter anderem die Investition in Neura Robotics leitet und von den Potenzialen der neuen Technologie überzeugt ist:
„ChatGPT ist für KI das, was der Einzeller für das biologische Leben ist, wenn man so will. Am Ende geht es aber um Produktivität und um Produktion. Und hier steht Physical AI direkt im Epizentrum des Geschehens unserer gesamten Wirtschaft.“
Fußnote
- Beispiele aus dieser Welt: Physical Intelligence, ein Start-up für KI-Software, die Robotern vielfältige Aufgaben beibringt, sammelte im November 2025 insgesamt 600 Millionen Dollar ein und erreichte eine Bewertung von 5,6 Milliarden Dollar. Figure AI, ein Entwickler humanoider Roboter für die Industrie, wird mittlerweile mit 39 Milliarden Dollar bewertet und gehört damit zu den zehn wertvollsten Privatunternehmen weltweit, zeigt der CB-Insights-Report. Die Roboter des Unternehmens waren bereits im BMW-Werk im Einsatz und halfen bei der Produktion von mehr als 30.000 Fahrzeugen.
Selbst frühe Finanzierungsrunden erreichen Rekordhöhen: Mind Robotics, ein Rivian-Ableger für industrielle Robotik, sicherte sich in einer Seed-Runde 115 Millionen Dollar – eine Summe, die noch vor wenigen Jahren etablierten Unternehmen vorbehalten war.
↩︎