Wir haben uns intensiv die Diskussion über die (umstrittene) These einer „Deindustrialisierung“ angeschaut und Sie haben durchaus gewichtige Argumente kennen gelernt, die uns die Sorgenfalten ins Gesicht treiben sollten, vor allem eingedenk der Tatsache, welche überdurchschnittliche Bedeutung die Industrie sowohl für die Wertschöpfung wie auch für die Beschäftigung in Deutschland hat. Und die zuletzt vorgenommene Betrachtung der veränderten Wettbewerbssituation zwischen Deutschland und China und die chinesischen Erfolge in den Kernbereichen der deutschen Industrie (sowohl in der Automobilindustrie wie auch im Maschinenbau und in der Chemie) sollte die Sorgen weiter befeuert haben.
Nun soll auf der anderen Seite hier nicht eine einseitige, nur pessimistische Sicht auf diese Entwicklungen in den Raum gestellt werden, es gibt nicht nur die eine Richtung, zuweilen entstehen auch im Laufe des Prozesses neue Antworten auf die Herausforderungen durch veränderte Märkte und Wettbewerber. Es stellt sich also die Frage: Kann die bislang erkennbare eher negative Entwicklung auch umgekehrt werden und wenn ja, welche Rolle könnet die Wirtschaftspolitik dabei leisten?

Sowohl die Analyse der bisherigen Entwicklung wie auch die Suche nach möglichen, darunter auch wirtschaftspolitischen Antworten auf die neuen Herausforderungen der deutschen Industrie sind Gegenstand einer neuen Analyse aus der volkswirtschaftlichen Forschungsabteilung der KfW-Bankengruppe:
➔ KfW Research (2025): Wettbewerb(sfähigkeit) neu denken: Deutschlands Industrie am Scheideweg, Frankfurt am Main, November 2025
»Deutschland leidet unter einer langanhaltenden Wachstumsschwäche, die besonders im Verarbeitenden Gewerbe ausgeprägt ist und auf strukturelle Probleme hinweist. Die aktuellen Herausforderungen sind außergewöhnlich groß und treten geballt auf, darunter der Energiepreisschock durch den Ukraine-Krieg, der „China-Schock“ und der Wandel der Autoindustrie. Diese akuten Probleme offenbaren tiefere Standortnachteile wie Bürokratie, hohe Steuern, Fachkräftemangel, Digitalisierungslücken und ein Innovationssystem, das zu sehr auf etablierte Sektoren fokussiert ist. Zudem belastet die Erosion des globalen Handelssystems die Industrie.
Das Papier versucht der Größe dieser Herausforderungen gerecht zu werden, indem die deutsche Industrie – mit einem besonderen Blick auf den industriellen Mittelstand – einer detaillierten Bestandsaufnahme unterzogen wird. Dabei wird auch untersucht, ob diese Herausforderungen eine aktivere staatliche Rolle erfordern. Die Studie analysiert den weiteren Ausblick und was zu tun ist, um den Ausblick wieder freundlicher werden zu lassen. Trotz des Ausbaus erneuerbarer Energien werden die Energiepreise in Deutschland voraussichtlich hoch bleiben, gleichzeitig aber Chancen durch Dekarbonisierung entstehen. Weitere Themen sind der Umgang mit chinesischer Konkurrenz, die Folgen einer Fragmentierung des Welthandels, die Sicherung der Rohstoffversorgung sowie die Stärkung des Innovationssystems, insbesondere durch Start-ups und Venture Capital. Auch der Fachkräftemangel, die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands und die Bedeutung der öffentlichen Infrastruktur werden behandelt. Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie die deutsche Industrie ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern und die Zukunft positiv gestalten kann.«
➔ Schauen Sie bitte in diese neue zusammenfassende Studie der Volkswirte von der KfW-Bankengruppe. Sie können zum einen nachvollziehen, wo die Dinge, die wir angesprochen haben, an anderer Stelle wieder aufgegriffen werden, zum anderen ist das eine umfassende Zusammenfassung des Themenfeldes „Deindustrialisierung“ (und darüber hinaus) sowie unvermeidbar: China. Immer wieder China.
Und für die Interessierten, die sich ganz besonders interessieren für den vieldiskutierten „China-Schock“, der über die deutsche Wirtschaft gekommen ist, hier ein weitere Leseempfehlung – eine neue Veröffentlichung aus der volkswirtschaftlichen Forschungsabteilung der Deutschen Bank:
➔ Marion Mühlberger und Ursula Walther (2025): Wie kann Deutschland den potenziellen „China-Schock“ meistern?, Frankfurt am Main: Deutsche Bank Research, Oktober 2025
»Deutschlands Handelsbilanzdefizit mit China nimmt zu und wird dieses Jahr voraussichtlich einen Rekordwert von über 2% des BIP erreichen. Gleichzeitig zeigten jüngst chinesische Exportbeschränkungen für bestimmte Halbleiter und einige Seltene Erden und Magnete die Verwundbarkeit deutscher Lieferketten. Vor diesem Hintergrund erarbeitet die Bundesregierung derzeit einen neuen China-Aktionsplan. In diesem Beitrag beleuchten wir zunächst drei Kernthemen, welche die Beziehung zwischen Deutschland und China zurzeit prägen. Anschließend präsentieren wir Ideen, wie sich der potenzielle „China-Schock“ am besten bewältigen und asymmetrische Abhängigkeiten vermindern lassen.«