Ich hatte in der letzten Veranstaltung bei der Besprechung der Arbeitsmarkt-Auwirkungen der KI auch kurz das Beispiel der Filmindustrie genannt. Und dass es in diesem Bereich in den USA sogar einen längeren Streik gegeben hat, bei dem es nicht nur um Lohn- bzw. Honorarerhöhungen ging, sondern der Arbeitskampf richtete sich ausdrücklich auch gegen mögliche negative Beschäftigungsfolgen der KI in dieser Branche.
Dazu findet man beispielsweise diesen Beitrag von mir aus dem Jahr 2023: Arbeitskämpfe als historisches Moment. Zur fundamentalen Bedeutung der Streiks von Drehbuchautoren und Schauspielern in den USA diesseits von Glanz und Glamour, so ist der Artikel überschrieben, der am 15. September 2023 in meinem Blog „Aktuelle Sozialpolitik“ veröffentlicht wurde. Da wurde von zwei Arbeitskämpfen in den USA berichtet:
Seit dem 2. Mai 2023 streikt die Writers Guild of America (WGA), die Gewerkschaft der Drehbuchautorinnen und -autoren, um ihre Forderungen beim Produzentenverband (AMPTP) durchzusetzen. »Nach gescheiterten Verhandlungen mit Studios und Plattformbetreibern legen Hollywoods Drehbuchautorinnen und -autoren die Arbeit nieder. In der Ära der Streamingdienste fordern sie bessere Bezahlungsmodelle«, so eine der Meldungen am 2. Mai unter der Überschrift Hollywood-Autoren treten in den Streik. Und das war erst der Anfang. Im Juli 2023 wurde gemeldet: »Hollywood wird komplett lahmgelegt. Zum ersten Mal seit mehr als 60 Jahren gibt es einen Doppelstreik: Nach den Autoren folgen jetzt auch die Schauspieler. Und die fordern nicht nur höhere Löhne«, so Arne Bartram in seinem Beitrag „Jetzt ist ein historischer Moment“. Mittel Juli 2023 hat sich die viel größere, mehr als 160.000 Menschen repräsentierende US-Schauspielgewerkschaft SAG-AFTRA, dem Arbeitskampf der Autoren angeschlossen. Eine Streik-Allianz dieser Größe hat Hollywood seit 1960 nicht mehr erlebt, so Stefan Grissemann in seinem Artikel Die große Illusion: Die Hintergründe der Streiks in Hollywood. Und seine Ausführungen verweisen bereits darauf, warum man hinsichtlich der beiden Arbeitskämpfe von einem „historischen Moment“ sprechen kann und muss: »… es geht um Gewichtiges, keineswegs nur um mehr Geld. Neben der Forderung nach besserer Abgeltung durch die – ihre Zahlen unter Verschluss haltenden – Streamingdienste steht die Panik vor den unabsehbaren Konsequenzen eines unregulierten Einsatzes von künstlicher Intelligenz (KI) im Zentrum der Zwangsverhandlungen. Denn die Dystopie einer Kino- und TV-Landschaft, in der Drehbücher von Maschinen generiert werden und Schauspielkräfte gescannt, ihre Abbilder anschließend digital verwertet werden, sorgt für Unwohlsein. Der Tod ist in Hollywood keine Grenze mehr: Ein neuer Film, in dem der 1955 verstorbene James Dean die Hauptrolle spielen wird, ist in Planung.«
Und was ist bei den monatelangen Streikaktionen herausgekommen?
Im Herbst 2023 endete der zweitlängste Streik der Hollywood-Kreativen. Die kooperierenden US-amerikanischen Gewerkschaften SAG-AF-TRA und Writers Guild of America (WGA) schlossen einen Tarifvertrag ab, der deutliche Lohnsteigerungen, höhere Sozialversicherungsbeiträge und Regeln zur KI-Nutzung beinhaltete.
Im Tarifabschluss, der im Herbst 2023 den zweitlängsten Streik der Hollywood-Kreativen beendete, wurden erstmals explizite Regeln zur Nutzung künstlicher Intelligenz zwischen den Gewerkschaften (insbesondere der Writers Guild of America, WGA) und den Studios vereinbart – und zwar in einer Weise, die den Einsatz von KI zwar nicht vollständig verbietet, aber stark reguliert.
Schauen wir uns das einmal genauer an.
Zentrale Vereinbarungen zur KI-Nutzung für Drehbuchautoren (WGA-Vertrag):
1. KI ist kein „Schreiber“ und bekommt keine Credits: Generative KI wird ausdrücklich nicht als Autor anerkannt. KI-generierte Texte gelten nicht als literarisches Material im Sinne des Vertrags und können daher nicht dazu genutzt werden, Autor*innenrechte, Credits oder getrennte Vergütungen zu schmälern.
2. KI darf nicht zum Schreiben oder Umarbeiten von Drehbüchern verwendet werden: Studios dürfen KI nicht einsetzen, um eigenständig Drehbücher zu verfassen oder vorhandene Arbeiten durch KI umschreiben zu lassen.
3. Schriftsteller können KI nutzen, aber freiwillig: Autoren dürfen KI-Tools nutzen – wenn sie das selbst wollen und das Studio zustimmt, aber keinerlei Zwang zur Nutzung von KI besteht. Studios dürfen nicht vorschreiben, dass Autoren KI-Software wie ChatGPT verwenden müssen.
4. Studio-Material muss offenlegt werden: Wenn Studios Material bereitstellen, das von KI erzeugt oder teilweise KI-generiert wurde, müssen sie dies den Autoren klar offenlegen.
5. Schutz gegen Nutzung von KI-Trainingsdaten: Die Gewerkschaft behält sich das Recht vor, in Zukunft durchzusetzen, dass ihre Werke nicht ohne Zustimmung und mögliche Vergütung als Trainingsdaten für KI-Modelle verwendet werden – ein Punkt, der noch weiter ausgehandelt werden soll.
SAG-AFTRA-Spezifische KI-Regeln für Schauspieler:
Auch im mit SAG-AFTRA abgeschlossenen Tarifvertrag wurden erstmals Regelungen zur Nutzung von KI-generierten digitalen Abbildern von Schauspieler*innen aufgenommen:
➔ Explizite Zustimmungspflicht: Studios müssen vor der Nutzung eines digitalen Klons (z. B. Gesicht, Stimme) die ausdrückliche Zustimmung der betreffenden Schauspieler einholen und klar beschreiben, wofür die KI-Abbildung verwendet wird.
➔ Vergütung für KI-Ersatzarbeit: Wenn eine digitale Reproduktion (z. B. ein „synthetischer“ Schauspieler) genutzt wird, um tatsächliche Dreharbeit zu ersetzen, müssen Schauspieler für die Arbeitstage bezahlt werden, die sie hätten leisten müssen, wenn sie vor Ort gearbeitet hätten.
Diese Regeln sollen verhindern, dass Studios KI nutzen, um Arbeitsplätze zu ersetzen oder die Kontrolle über kreative Leistungen zu verlieren.